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„Am 30. Mai ist der Weltuntergang, wir leben nicht mehr lang, wir leben nicht mehr lang." (Golgowsky-Quartett, 1954)
Ragnarök oder die Götterdämmerung, wie es bei Richard Wagner heißt, ist das Ende der Welt nach der Auffassung des nordischen Götterglaubens. Die Vorstellung allein jagt mir immer einen kleinen Schauder über. Ich kann es nicht wirklich gedanklich erfassen, weil es im Grunde eine bloße Angstfantasie oder eine ins allgemeine übertragene Todesfurcht ist. Ich fand bei meiner Suche aber eine Webseite von der Liste aller mit Datum angekündigten Weltuntergänge. Danach hat es allein während meiner Lebenszeit schon fast Hundert davon gegeben. Das relativiert die Geschichte wieder auf sehr angenehme Weise.
Apokalyptische Prophezeiungen existieren bereits seit der frühen Antike. Es scheint ein Thema zu sein, das die Menschen immer schon beschäftigt hat. Heutzutage ist es für manche Sekten vielleicht auch ein gutes Geschäft, für die Medien allemal. Zahlreiche Spielfilme handeln davon: Dooms Day, Armaggeddon, Deep Impact, The Core sind nur einige, die mir spontan dazu einfallen, obwohl ich solche Endzeitfilme überhaupt nicht gern schaue, weil humorlose Machohelden mir ein Gräuel sind. Eine Ausnahme bildet da „Per Anhalter durch die Galaxis“, das auch mit dem Ende der Welt beginnt.
Weltuntergänge zu fürchten scheint schon zu den Zeiten der nomadisierenden Indoeuropäer gang und gäbe gewesen zu sein, darauf lassen die Berichte von den verschiedenen Völkern dieser Kultur schließen. Denn Vulkanausbrüche, Erdbeben, Eiszeiten, Dürreperioden, das Ansteigen des Meeresspiegels und die Einschläge von Meteoriten sind reale Bedrohungen für das Überleben. Und die Erinnerung an solche Ereignisse, sofern sie überlebt wurden, wird für viele Generationen lang gespeichert. Heute gesellen sich noch der nukleare Holocaust, Killerviren und andere Menschen gemachte Vernichtungsmöglichkeiten dazu. Der Suchbegriff „Weltuntergangsstimmung“ ergab bei google fast 38.000 Seiten!
Ragnarök, das „Schicksal der Götter“, beginnt mit dem Tod Balders und der Verurteilung Lokis deswegen. Ein extrem kalter und dunkler Winter setzt ein und dauert ohne Unterbrechung drei Jahre lang an. Die Himmelswölfe verschlingen Sonne und Mond, und die Sterne fallen vom Firmament, bringen die Gebirge zum Einsturz und lösen die Fesseln aller Ungeheuer und Feinde der Götter und Menschen. Aus dem unbekannten Süden, vom Feuerreich Muspellheim her, kommen Reiter, die die Welt in Brand setzen. Unter ihrem Gewicht bricht die Regenbogenbrücke Bifröst zusammen. In der Entscheidungsschlacht wird Odin vom Fenriswolf verschlungen, Thor und die Midgardschlange bringen einander um. Freyr wird vom Feuerriesen Surt erschlagen, Tyr und der Höllenhund Garm töten sich gegenseitig, ebenso wie Heimdall und Loki. Die ganze Welt brennt. Selbst Yggdrasil, die Weltenesche, steht in Flammen. Miteinander versinkt alles im Meer.
Doch aus den Fluten erhebt sich alsdann eine neue Erde, grün und wunderbar, auf der das Korn ganz von allein wächst. Die überlebenden Asen versammeln sich auf einem Hügel, und das einzige, im Schlaf gerettete Menschenpaar, Bruder und Schwester, werden die Ahnen eines neuen Menschengeschlechts.
Allerdings habe ich bei der ganzen Sache nichts über die Göttinnen gelesen, sie werden mit keinem Wort erwähnt. Was das wohl zu bedeuten hat?
Was ich mich außerdem immer gefragt habe: ist das nun schon passiert, oder kommt das noch? Darüber gibt es zwar eine Menge Theorien, aber so richtig zufrieden stellen tut mich keine davon. Es ist und bleibt eben eine Geschichte, so wie die vielen anderen, die die Menschen sich immer schon erzählt haben. Und dass die Frauen darin unterschlagen werden, kennen wir ja zur Genüge...
Und jetzt kommt Yggdrasil ins Spiel, der Weltenbaum, dem Namen nach ‚Träger des Schreckens’, Odins Reittier. Dieser Baum hat schon immer meine Phantasie beflügelt, ganz egal, ob es nun eine Esche, eine Eibe oder eine Eberesche ist. Ein Baum so groß wie die Welt, was für eine Idee…Anderswelt: Diesen Baum kenne ich aus meinen Visionen. In den unterirdischen Teichen habe ich schon gebadet, bin an seinem Stamm hinauf und herab geflogen und konnte die verschiedenen Ebenen besuchen, die sich daran gliedern. Ich habe Wesen dort getroffen - waren es vielleicht sogar Ahnen oder Götter? Einmal traf ich eine alte Frau, die am Boden hockte und zwischen ihren Händen kleine Kugeln drehte. Das Material dafür nahm sie von einem ungeformten Kloß, der neben ihr auf dem Boden lag. Sie sagte, dass diese Kugeln für mich seien, es wären „Lustkugeln“. Für jede dieser Kugeln dürfe ich einmal Lust empfinden, und wenn sie verbraucht wären, könnte ich mir neue holen.Sie tat mir eine ganze Menge davon in einen Beutel und hängte mir den um den Hals. Ich bedankte mich und ging weiter. Als nächstes traf ich einen alten Mann. Struppiges, strohgelbes Haar wuchs ihm aus Nase und Ohren, und einen riesigen, borstigen, gelben Schnurrbart hatte er auch. Mit einem Spaten grub er in der Erde, und ich gab ihm eine meiner Kugeln, die er nahm und in die aufgebrochene Erde legte.Daraufhin konnten wir beide dabei zusehen, wie ein Schößling daraus hervor wuchs. Er entwickelte sich zu einem kleinen Apfelbaum, und Früchte waren auch schon daran. Der alte Mann pflückte einen reifen, rot-gelben Apfel für mich, und ich biss voller Lust hinein. Der Apfel war süß und saftig und füllte mit seiner Frische und seinem Aroma meinen Mund aufs Köstlichste. Ich spürte auch, wie neue Energie durch meinen ganzen Körper strömte von diesem einen Bissen ausgehend. Ich dankte dem alten Mann dafür und ging noch weiter.Dann traf ich ein Kind mit goldblonden Löckchen in einem kurzen, weißen Hemdchen. Es tanzte auf nackten Füßen ganz leicht einher, wir fassten uns bei den Händen und tanzten gemeinsam weiter. Immer schneller und wilder ging es im Kreis herum, in dessen Mitte dabei ein Wirbel aus luftiger Energie entstand. Die drei Ebenen, in die manche Autoren die verschiedenen Welten des Baumes einteilen, erinnern mich an die drei Welten des Schamanismus, die Obere Welt mit Asgard und Lichtalbenheim, die Mittlere Welt, bestehend aus Midgard und in den vier Himmelsichtungen Jötunheim, Muspellheim, Vanaheim und Niflheim und die Untere Welt mit Schwarzalbenheim und Hels Reich.In einigen Nacherzählungen bauen die Asen Midgard, die Welt der Menschen, aus den Augenbrauen des Urriesen Ymir. Dort mitten hinein, auf einen Berggipfel stellen sie Asgard, ihre eigene Wohnstätte, und in die Mitte Asgards pflanzen sie die immergrüne Yggdrasil, welche die gesamte Erde überschattet. Auf manchen Bildern sieht es so aus, als ob alle neun Welten in den Zweigen Yggdrasils aufgehängt sind, ähnlich angeordnet wie die Stationen der Kabbala, bloß anstatt Zehn Welten sind es nur Neun.
Und dann die Tiere, die im Baum leben! Oben sitzt der Adler, und unten nagt der Drache an den Wurzeln, und zwischen ihnen flitzt das Eichhörnchen, welches die Beschimpfungen der beiden gegeneinander hin und her trägt. Zwei schöne Schwäne ziehen schweigend auf dem Wasserspiegel des Urd-Brunnens ihre Kreise, fünf Hirsche äsen an den Blättern und Knospen des Baumes, und die Met spendende Ziege Heidrun knabbert in Asgard am Wipfel von Yggdrasil. Heidrun nun wiederum erinnert mich an die Ziege, von der Zeus, der griechische Allvater, großgezogen wurde.Am heiligen Urdbrunnen der Weisheit sitzen die drei ernsten Nornen Urd (Vergangenheit), Skuld (Zukunft) und Werdandi (Gegenwart) und spinnen, weben und schneiden die Fäden des Lebens. Sie erinnern auch sehr an die Göttinnentriaden des antiken Griechenlands.