Als ich klein war, noch bevor ich in die Schule kam, fürchtete ich mich sehr, wenn es gewitterte. Seltsamerweise hatte ich vor dem Donner mehr Angst als vor den Blitzen, egal, was meine Eltern mir darüber zu erklären versuchten. Jedes Mal, wenn es donnerte, meinte ich, den „lieben Gott“, wie ich ihn damals nannte, zu sehen, wie er schlecht gelaunt in einem Wagen mit hölzernen, eisenbeschlagenen Speichenrädern in rasendem Galopp über die Wolken polterte. So ähnlich rumpelten nämlich zu jener Zeit auch die Wagen der Bauern, die uns in jedem Herbst die Kartoffeln lieferten, über das Kopfsteinpflaster unserer Straße.Und genau das gleiche wird in den Sagen von dem Gott Thor oder Donar, dem Donnerer berichtet. Seinen Wagen ziehen bei Gewitter zwei gewaltige Ziegenböcke über die Wolken, und mit seinem berühmten Hammer schleudert er die Blitze.
Die abenteuerlichen Geschichten, die über ihn berichtet werden, hören sich so an, als ob sie über Jahrhunderte hinweg von geltungssüchtigen Zechern bei wilden Gelagen weitererzählt worden sind. Jeder wollte dabei den anderen übertrumpfen, was die Stärke und die Heldenhaftigkeit ihres Gottes betraf. Vor allem die Story, als er mit einem Riesen beim Hochseeangeln war, liest sich wie das reinste Anglerlatein. Da fängt der Riese nämlich zwei Wale zum Abendessen, aber bei Thor muss es gleich die Midgardschlange sein, das größte Meeresungeheuer der damaligen Zeit, die er an der Angel hat.
Die Römer verglichen Thor denn auch mit ihrem Superhelden Herkules, als sie von ihm hörten. Als es jedoch darum ging, die Wochentage mit germanischen Namen zu versehen, entschieden sich die Germanen dafür, Thor mit dem römischen Obergott Jupiter gleichzusetzen. Also Donnerstag heißt es nun bei uns, so wie auf Französisch jeudi und auf Italienisch jovedi, welches beides von Jupiter herkommt.Eigentlich ist Thor ja ein direkter Sohn der Erde selbst, der Erdgöttin Jord oder Fjorgyn (Eichengöttin), angeblich von Odin gezeugt. Sein Hammer ist nach Amstadt ursprünglich die von der Muttergottheit übernommene rituelle Doppelaxt. Von den nordischen Dichtern wurde er ansonsten etwas verächtlich ein Bauerngott genannt, im Gegensatz zu Odin, den sie mehr als ihresgleichen ansahen, und der als Forscher, Zauberer, Wissender und Visionär galt.
Die größte Ähnlichkeit mit heute bekannten Gestalten hat Donar/Thor meiner Auffassung nach mit Obelix aus den Asterix-Comics. Er ist genau so stark, genau so einfältig, rauflustig, verfressen, gutmütig, rotblond, asexuell und liebenswert wie dieser. Bloß statt des Hammers trägt Obelix immer einen Hinkelstein bei sich, den er gelegentlich aber auch erfolgreich als Wurfgeschoss einsetzt. Und Thor erinnert mich ferner an Bud Spencer in seinen frühen Filmen. Ein bärenstarker, polteriger, etwas begriffsstutziger und ziemlich sympathischer Beschützertyp auf der Seite der "Guten".Bei Geismar, in der Nähe von Fritzlar/Hessen stand eine Rieseneiche, die Donar geweiht war. Diese fällte irgendwann im achten Jahrhundert der angelsächsische Missionar Winfried, genannt Bonifatius, dem unsere Stadt Fulda ihre Existenz verdankt und die im Gegenzug dafür seine Knochen im Dom aufbewahrt und jedem zeigt, der sie sehen will. Es ist überliefert, dass die Zuschauer bei jenem Ereignis auf ein himmlisches Strafgericht für den Frevler hofften und schwer beeindruckt waren, als dieses ausblieb.
Fast schade finde ich es mittlerweile, dass der Hügel bei unserem Dorf Wodansberg heißt und nicht Donnersberg oder so ähnlich.

