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9.3.07

Thor oder Donar

Als ich klein war, noch bevor ich in die Schule kam, fürchtete ich mich sehr, wenn es gewitterte. Seltsamerweise hatte ich vor dem Donner mehr Angst als vor den Blitzen, egal, was meine Eltern mir darüber zu erklären versuchten. Jedes Mal, wenn es donnerte, meinte ich, den „lieben Gott“, wie ich ihn damals nannte, zu sehen, wie er schlecht gelaunt in einem Wagen mit hölzernen, eisenbeschlagenen Speichenrädern in rasendem Galopp über die Wolken polterte. So ähnlich rumpelten nämlich zu jener Zeit auch die Wagen der Bauern, die uns in jedem Herbst die Kartoffeln lieferten, über das Kopfsteinpflaster unserer Straße.

Und genau das gleiche wird in den Sagen von dem Gott Thor oder Donar, dem Donnerer berichtet. Seinen Wagen ziehen bei Gewitter zwei gewaltige Ziegenböcke über die Wolken, und mit seinem berühmten Hammer schleudert er die Blitze.

Die abenteuerlichen Geschichten, die über ihn berichtet werden, hören sich so an, als ob sie über Jahrhunderte hinweg von geltungssüchtigen Zechern bei wilden Gelagen weitererzählt worden sind. Jeder wollte dabei den anderen übertrumpfen, was die Stärke und die Heldenhaftigkeit ihres Gottes betraf. Vor allem die Story, als er mit einem Riesen beim Hochseeangeln war, liest sich wie das reinste Anglerlatein. Da fängt der Riese nämlich zwei Wale zum Abendessen, aber bei Thor muss es gleich die Midgardschlange sein, das größte Meeresungeheuer der damaligen Zeit, die er an der Angel hat.

Die Römer verglichen Thor denn auch mit ihrem Superhelden Herkules, als sie von ihm hörten. Als es jedoch darum ging, die Wochentage mit germanischen Namen zu versehen, entschieden sich die Germanen dafür, Thor mit dem römischen Obergott Jupiter gleichzusetzen. Also Donnerstag heißt es nun bei uns, so wie auf Französisch jeudi und auf Italienisch jovedi, welches beides von Jupiter herkommt.

Eigentlich ist Thor ja ein direkter Sohn der Erde selbst, der Erdgöttin Jord oder Fjorgyn (Eichengöttin), angeblich von Odin gezeugt. Sein Hammer ist nach Amstadt ursprünglich die von der Muttergottheit übernommene rituelle Doppelaxt. Von den nordischen Dichtern wurde er ansonsten etwas verächtlich ein Bauerngott genannt, im Gegensatz zu Odin, den sie mehr als ihresgleichen ansahen, und der als Forscher, Zauberer, Wissender und Visionär galt.

Die größte Ähnlichkeit mit heute bekannten Gestalten hat Donar/Thor meiner Auffassung nach mit Obelix aus den Asterix-Comics. Er ist genau so stark, genau so einfältig, rauflustig, verfressen, gutmütig, rotblond, asexuell und liebenswert wie dieser. Bloß statt des Hammers trägt Obelix immer einen Hinkelstein bei sich, den er gelegentlich aber auch erfolgreich als Wurfgeschoss einsetzt. Und Thor erinnert mich ferner an Bud Spencer in seinen frühen Filmen. Ein bärenstarker, polteriger, etwas begriffsstutziger und ziemlich sympathischer Beschützertyp auf der Seite der "Guten".

Bei Geismar, in der Nähe von Fritzlar/Hessen stand eine Rieseneiche, die Donar geweiht war. Diese fällte irgendwann im achten Jahrhundert der angelsächsische Missionar Winfried, genannt Bonifatius, dem unsere Stadt Fulda ihre Existenz verdankt und die im Gegenzug dafür seine Knochen im Dom aufbewahrt und jedem zeigt, der sie sehen will. Es ist überliefert, dass die Zuschauer bei jenem Ereignis auf ein himmlisches Strafgericht für den Frevler hofften und schwer beeindruckt waren, als dieses ausblieb.

Fast schade finde ich es mittlerweile, dass der Hügel bei unserem Dorf Wodansberg heißt und nicht Donnersberg oder so ähnlich.

1.3.07

Tod, Frauen und die Erdgöttin

Über die Jenseitsvorstellungen und den Umgang mit dem Tod habe ich in dem Buch „Die Frau bei den Germanen“ von Jakob Amstadt etwas mehr erfahren können. Er schreibt, dass die Germanen den Menschen nicht in Leib und Seele einteilten, so wie es die Griechen schon in der Antike taten. Sie unterschieden nicht so klar zwischen Leben und Tod, wie wir heutigen Menschen. Der Tod schien ihnen nur eine Abwesenheit zu sein, von der man wiederkehren kann, so wie vielleicht der Großvater im Enkel wieder ins Leben zurückkehrt. „Für die Germanen lebte der Tote in einer anderen Dimension und zeigte dieses Dasein zu gewissen Zeiten und in bestimmten Formen seiner Existenz.“ Jetzt verstehe ich es besser, warum sie anscheinend so Todes verachtend waren.

Über die Frauen habe ich auch einiges erfahren, trotzdem wird mir ihre Stellung innerhalb der germanischen Gesellschaft nicht wirklich deutlich. Die Berichte reichen von Priesterinnen und Wahrsagerinnen, die bei den Wanderungen der Kimbern vorangingen und die Richtung bestimmten und die über den Zeitpunkt und den Ausgang von Schlachten weissagten, bis hin zu Frauen, die nach einem Ehebruch von ihren Männern ungestraft kahl geschoren, nackt durchs Dorf gepeitscht und ersäuft wurden. Die Spanne ist also breit.

Jedenfalls waren sie vom öffentlichen Leben ausgeschlossen. Sie saßen nicht mit im Thing, der Rats- und Gerichtsversammlung, und sie feierten und tranken auch nicht gemeinsam mit den Männern.

Über Frau Holle und Barbarossa im Kyffhäuser habe ich inzwischen auch etwas Neues gelesen. In Amstadts Buch wird über Funde berichtet, die belegen, dass die Höhlen im Kyffhäuser schon seit der Steinzeit der Kultplatz einer Göttin gewesen seien.


Anderswelt: Ich wollte dem Geist der Erde oder der Erdgöttin begegnen. Lange hatte ich diese Reise vor mir her geschoben, fürchtete mich etwas davor - zu Recht, wie sich herausstellen sollte. Zweimal hatte ich die Göttin schon in einer kurzen Halbtrance besucht. Beide Male machte sie mir in unmissverständlicher Weise klar, dass sie und ich wirklich eins sind.

Gestern rief ich endlich meine Verbündeten und flog mit ihnen zunächst eine Weile über den Globus dahin und dann in die Erde hinein. In einer unterirdischen Höhle legte ich mich wie ein Opfer nackt auf einen großen Steinquader. Warum ich das tat, weiß ich selber nicht, es war halt so. Die Göttin kam herbei und war ganz dunkel, schwarz-braunes langes Haar, dessen herabhängende Wellen an fruchtbare Ackerfurchen erinnerten. So hatte ich mir ungefähr die sumerische Totengöttin Ereshkigal vorgestellt. Sie hätte auch Nerthus sein können, Jörd, Hekate, Hel, die Morrigan. Ich wusste gleich, ich würde etwas hergeben müssen.

Und richtig, sie schnitt mir den Leib der Länge nach auf und entnahm daraus alles, die Eingeweide, die Knochen und den ganzen Rest. Stück für Stück warf sie das in eine Flammengrube neben dem Felsenaltar, bis nur noch meine Haut wie eine leere Hülle übrig blieb. Diese zog sie sich über und sah nun aus wie ich. Der Stein war leer, ich selber war nicht mehr da. Die Göttin begann zu tanzen, setzte ihre Füße präzise in einem unsichtbaren Muster auf und bewegte sich anmutig und gemessen durch den Raum, wobei sie sich auch um sich selber drehte. Ich erhielt die Botschaft: hör auf zu denken, dein Ich, d-ich gibt es nicht mehr, tanze!

Durch Bilder und Figuren, die sie mit ihrem Körper formte, wurde mir außerdem deutlich gemacht, dass die Pole männlich/weiblich, Konzentration/Ausdehnung, Monotheismus/Pantheismus von mir immer noch viel zu sehr in gut und schlecht eingeteilt werden. Sie zeigte mir, dass es sich damit eher wie beim Atmen verhält - ein/aus – oder wie die Ausdehnung und das wieder Zusammenziehen des ganzen Universums wie ein großer Atem. Beides gehört zusammen und ist die Bewegung des Lebens.

Ich war etwas panisch, weil ich die ganze Zeit nicht mehr vorhanden war und erwartete irgendwie, wieder zusammengesetzt zu werden. Stattdessen rief die Trommel zur Umkehr, und ich musste gehen. Beim Abschied rief mir die Göttin hinterher: „Komm wieder!“



Ich bin die Erde,
ein Stein und ein Baum.
Sterbe und werde
als wie im Traum.


13.2.07

Die ersten Asinnen

Nun zu den Göttinnen, die direkt mit Wodan in Verbindung gebracht werden. Als älteste Asin wurde Jord, Jörd, Erda oder Fjörgyn bezeichnet, die Riesengöttin der Erde, die noch vor der Erschaffung der Menschen existierte. Wahrscheinlich wurde sie aber eher von den Invasoren adoptiert und unterworfen, als das Land erobert wurde. Diese älteste Göttin, deren sämtliche Namen ‚Erde’ bedeuten, wurde auf hohen Bergen verehrt, weil die Menschen glaubten, dort hätte sie sich mit dem Himmel gepaart. Sie wird als Tochter der Nachtgöttin Nott angesehen und gebar den gewaltigen Thor (Donar, Donnerer), Wodans Sohn. Als Beschützerin des Hauses und Herdes wurde sie Hlödyn oder Hludana genannt.

Die zweite Frau ist Frigg (Frigga, Fricka, Frija, Frea). Auch von ihr heißt es an einer Stelle, sie sei eine Tochter Notts, der Nacht. Andere meinen, Fjörgyn sei ihre Mutter gewesen, also die Erdgöttin Jörd. Angeblich war sie zuerst mit Teiwaz (Tiwaz, Tius, Tyr) verheiratet, dem Vorgänger Wodans. Als dieser die Oberherrschaft gewaltsam an sich riss, nahm er auch die Frau seines Vorgängers zur Frau, wahrscheinlich ebenso gewaltsam. Sie gebar Balder (Fürst), den lichten Gott, außerdem zwei weitere Söhne. So viel ich über Wodan las, so wenig wird über die Göttin berichtet. Sie hatte ihren Platz in ihrem Palast, umgeben von Dienerinnen oder Schwestern, möglicherweise Aspekten ihrer selbst. Dort gab sie Rat und Segen und empfing - auf goldenem Rocken spinnend, zuständig für das Glück der Ehe - die Bitten von Schutzsuchenden. Als Wissende wird sie bezeichnet, aber auch als Schweigende, die ihr Wissen nicht preisgab. Paul Hermann nennt sie die „Jungfrau der Sonne“, deren goldener Palast und Schmuck das Strahlen des Tagesgestirns repräsentieren. Das einzige Mal, wo sie aktiv wird, versucht sie, das Leben ihres Sohnes Balder zu schützen und verurteilt ihn damit tragischerweise zum Tode. Um ihre Wesenseinheit mit der Wanengöttin Freya herrscht bis heute keine Einigkeit unter den Mythenforschern. Die Vorstellung aber, dass aus der freien, in jeder Hinsicht selbstbestimmten Frau so ein domestiziertes Hausmütterchen wurde, geht mir jedenfalls ziemlich gegen den Strich.


In späteren Jahrhunderten machte Frigg dann mehr von sich reden. In Mecklenburg war sie noch vor wenigen Jahrhunderten als „Gode“ (weibl. Form von Wodan) bekannt, in Thüringen und Hessen als Frau Holda oder Hulda (Frau Holle), und im Süden war ihr Name Percht, Berchta oder Berta. Als Kind kannte ich Frau Holle schon aus ihrem Märchen und von dem Ausspruch, dass sie ihre Betten ausschüttelt, wenn es schneite. Gemeinsam mit Wodan führte sie in den Raunächten die wilde Jagd an, ihr Tag ist der 6. Januar. Viele Legenden ranken sich um sie, und viele Vorschriften bezüglich Haushaltsarbeiten waren während dieser Zeit zu beachten.

Als doppeltes Kuriosum sehe ich jedoch die Geschichte an, in der sie dem im Berge schlafenden Kaiser Barbarossa angeblich die Hauswirtschaft führen soll.