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Mir gefällt die Theorie, dass die Wanengöttin Freya, die möglicherweise später zu Wodans Ehefrau Freja (Frigg) wurde, ursprünglich die Große Göttin des Neolithikums war. Und dass sie mit ihrer Mutter Njörd, die bei Tacitus Nerthus genannt wird, und die bei den Germanen kurzerhand in einen männlichen Gott verwandelt wurde, eine Mutter-Tochter-Zweiheit bildet, ähnlich wie Demeter und Persephone in der griechischen Mythologie. Dazu passt auch, dass Freya ursprünglich als Jungfrau gedacht war. Der Begriff Jungfrau bedeutete in früheren Zeiten nämlich nicht unbedingt eine sexuell unerfahrene Frau, sondern eine Frau, die keinem Mann angehörte und selbstbestimmt lebte. Loki hat sie dafür auch in einer Schmährede vor allen anderen Göttern verurteilt. Manche glauben, dass ihr Bruder-Geliebter Freyr ursprünglich ihr kleiner Sohn war, ein ähnliches Bild wie das der heute immer noch auf diese Weise dargestellten christlichen Madonna. Später wurde Freyr (Fro, Fricco = Herr) als ein Vegetationsgott angesehen, ein Beherrscher des Wetters, der seltsamerweise weder in Asgard noch in Wanaheim zuhause war, sondern bei den Lichtelfen wohnte.
Auf jeden Fall ist Freya eine Naturgottheit, die fruchtbare Erde selber und eine Frühlingsgöttin. Was liegt da näher, als sie auch als Liebesgöttin anzurufen, wo doch Liebe und Fruchtbarkeit einstmals eng zusammengehörten. Sie besitzt ein Falkengewand und ein Schwanenkleid, mit denen sie sich in die entsprechenden Vögel verwandeln kann, was auf schamanische Wurzeln hindeutet. Zumal sie auch des Seid kundig ist, einer Nordischen Variante der schamanischen Trance, die Odin von ihr lernt. Zur Todesgöttin wird sie, wenn sie auf dem Schlachtfeld die Hälfte aller Gefallenen für sich auswählt (nur die im Krieg getöteten Frauen?) und in die Sitzhalle Sessrumir in ihrem Palast Folkwang bringt. Ich kann da geradezu die ganzen gemütlichen Sessel, Lehnstühle, Sofas, Couchen, Diwans, Kanapees, Polsterbänke, Ottomanen, Recamieren und Chaiselongues vor mir sehen – ein schöner Tod, wenn dann auch noch Getränke gereicht werden und leise Musik gespielt wird...
Auch ein Kampfschwein namens Hildiswini gehört zu Freyas Attributen und einer ihrer Ehrennamen war "Sau". Gefahren kam sie in einem Wagen, der von Katzen gezogen wurde. Berühmt und geheimnisvoll ist auch ihr prächtiger Halsschmuck Brisingamen, den nie ein Mensch sah und der von vier Zwergen geschmiedet wurde, mit denen sie angeblich als Bezahlung jeweils eine Liebesnacht verbringen musste. Das könnte nun jemand für üble Nachrede halten, aber warum auch eigentlich nicht? Die Moralvorstellung waren zu jenen Zeiten ganz sicherlich andere, und Sex galt einstmals als heilige Handlung. Andere wiederum meinen, der Halsschmuck sei aus Bernstein gewesen, dem Gold des Nordens. Brisingamen wird auch mit den Strahlen der Sonne in Verbindung gebracht, nannten die Germanen doch die Sonne ihre Goldene Jungfrau. Ebenso hat der Halsschmuck möglicherweise mit dem Regenbogen und der Brücke Bifröst zu tun. Allerdings gibt es unzählige Darstellungen von jungsteinzeitlichen Göttinnen, die sowohl als kleine Statuetten als auch in Form von Stelen und als Steinreliefs und in Höhlen gefunden worden sind, und die alle mit einer oft dreifachen Halskette geschmückt sind.
Sowohl unser Freitag wurde nach Freya benannt, als auch leitet sich das Wort Frau von ihrem Namen ab und bedeutet ursprünglich „die Freie“.
Freya, Silberbrosche aus Schweden, 6. Jahrh.
Diana Paxsons Roman über „Die Töchter der Nibelungen“ liest sich gar nicht mal so schlecht, wenn eine Fantasy mag. Die Handlung ist spannend beschrieben, und die Charaktere sind vielschichtig, so wie Menschen halt sind. Die eindeutig ‚Bösen’ und die immer ‚Guten’, so wie sie in den meisten Büchern und Filmen dargestellt werden, finde ich schnell öde, und die Handlung wird vorhersehbar. Ich mag es, wenn die Figuren beides in sich tragen, wenn sie um Entscheidungen ringen müssen, wenn sie das Gute wollen und das Böse tun und umgekehrt. Und die ganze Geschichte ist so unausweichlich und schicksalsschwer wie eine antike griechische Tragödie.Am Ende jedes Teiles der Trilogie gibt es einige Seiten mit dem geschichtlichen Hintergrund und den wichtigsten Quellen, die die Autorin benutzt hat. Jetzt ist mir endlich klar geworden, dass Wodan, der Wanderer zwischen den Welten, ein Gott der Völkerwanderung war, ein Gott für heimatlose, entwurzelte Menschen, die generationenlang um ihre Existenz und einen Platz zum Leben kämpfen mussten. Tacitus und vor ihm schon Cäsar erwähnten zwar schon früher einen germanischen Merkur, der von späteren Mythenforschern mit Wodan identifiziert wurde (siehe hier), aber Wodans eigentlicher Name taucht erst viel später auf, nämlich in den Merseburger Zaubersprüchen. Zu der Zeit war das Christentum schon lange Staatsreligion im Römischen Reich und wenig später schrieb Mohammed den Koran.
Ein gutes Beispiel für die Annahme des Wodansglaubens sind die Langobarden, die am Ende des 4.Jahrhunderts als Winiler aus ihrem Heimatgebiet an der mittleren Elbe aufbrachen, geführt von einer Priesterfürstin namens Gambara (Stabträgerin) und ihren beiden Söhnen. Sie wanderten in einem großen ostwärtigen Bogen nach Süden, und kamen am Anfang des 6. Jahrhunderts in Norditalien an, und zwar dort, wo heute die Lombardei mit ihrem Namen immer noch an diesen Stamm erinnert. Dazu gibt es eine kleine Geschichte, die erzählt, dass am Abend vor einer Entscheidungsschlacht gegen die Wandalen diese Wodan um den Sieg baten. Dessen Bescheid lautete, dass diejenige Kriegspartei, die am Morgen als erste auf dem Schlachtfeld auftauchen würde, den Sieg erringen sollte. Doch die Winiler baten ihrerseits die Göttin Frea um den Sieg, und diese riet ihnen, dass die Frauen ihre Haare unter dem Kinn so zusammenbinden sollten, dass sie wie lange Bärte aussahen. Und genauso sollten sie gemeinsam mit ihren Männern frühmorgens aufmarschieren. Als Wodan sie dann am nächsten Morgen so sah, schenkte er ihnen den Sieg und angeblich den neuen Namen gleich dazu. So wurden aus den Winilern die Langobarden (Langbart ist aber auch einer der vielen Namen Wodans).
Der Gott Tyr/Tiwaz, Tiu, Zio/Ziu, der Dritte im Bunde der männlichen Asengötter und eigentlich der älteste von allen, ist vielleicht auch identisch mit Saxnot, dem die Sachsen bei ihrem Taufgelöbnis abschwören mussten. "Ec forsacho diabole end allum diobolgelde end allem dioboles wercumend worum. Thunor ende Woden end Saxnote ende allen then unholdo the hiro genotas sint." (Ich widersage allen Werken und Worten des Teufels. Thor, Wodan und Saxnot und allen Dämonen, die ihre Begleiter sind. Sächsischer Originaltext, 9. Jahrhundert, zitiert nach Jacob Grimm.)
Tyr ist ein indoeuropäischer Name und direkt verwandt mit dem griechischen 'Zeus', dem lateinischen 'Deus' und einem indischen Himmelsgott namens 'Dyaus Pitar'. Ursprünglich auch ein Himmelsgott, zuständig für Recht und Gerichtsbarkeit wurde er später als Kriegsgott zum Kumpel und Blutsbruder der nordischen Götter und sogar zu Wodans Sohn degradiert. Da machen die Menschen kurzen Prozess mit ihren Göttern, grad wie es ihnen in den Kram passt. Die Römer setzten ihn mit ihrem Mars gleich, weswegen auch unser Dienstag (Tuesday, frz. Mardi) nach ihm benannt ist.Er war der einzige, der es wagte, dem Fenriswolf seine rechte Hand als Pfand in den Rachen zu legen, während dieser an eine unzerreißbare Kette gelegt wurde. Als der Wolf den Betrug erkannte, biss er ihm die Hand ab.
Dann war da noch die Göttin Idun, die elf berühmte, goldene Äpfel verwahrte, die den Göttern ewige Jugend und Schönheit garantierten. Das erinnert auch irgendwie an die Äpfel der Hesperiden aus der griechischen Sage und an Evas Apfel, oder? Es sind anscheinend immer die Frauen, die das Monopol auf die Leben spendenden Äpfel haben.Natürlich gibt es auch dazu eine Geschichte, in der der Tunichtgut Loki die Göttin samt ihren Äpfeln kidnappt und sie einem Riesen überlässt, um sein eigenes Leben zu retten. Doch die Asen verlangen von ihm, dass er Idun wieder zurückholt, damit sie weiterhin jung und schön bleiben können. Und so fliegt Loki im von Freya geliehenen Falkengewand, verfolgt vom Riesen in Adlergestalt und bringt Idun samt ihren Äpfeln wieder nach Asgard, wo der Adler erschlagen wird.
Nun zu den Göttinnen, die direkt mit Wodan in Verbindung gebracht werden. Als älteste Asin wurde Jord, Jörd, Erda oder Fjörgyn bezeichnet, die Riesengöttin der Erde, die noch vor der Erschaffung der Menschen existierte. Wahrscheinlich wurde sie aber eher von den Invasoren adoptiert und unterworfen, als das Land erobert wurde. Diese älteste Göttin, deren sämtliche Namen ‚Erde’ bedeuten, wurde auf hohen Bergen verehrt, weil die Menschen glaubten, dort hätte sie sich mit dem Himmel gepaart. Sie wird als Tochter der Nachtgöttin Nott angesehen und gebar den gewaltigen Thor (Donar, Donnerer), Wodans Sohn. Als Beschützerin des Hauses und Herdes wurde sie Hlödyn oder Hludana genannt.
Die zweite Frau ist Frigg (Frigga, Fricka, Frija, Frea). Auch von ihr heißt es an einer Stelle, sie sei eine Tochter Notts, der Nacht. Andere meinen, Fjörgyn sei ihre Mutter gewesen, also die Erdgöttin Jörd. Angeblich war sie zuerst mit Teiwaz (Tiwaz, Tius, Tyr) verheiratet, dem Vorgänger Wodans. Als dieser die Oberherrschaft gewaltsam an sich riss, nahm er auch die Frau seines Vorgängers zur Frau, wahrscheinlich ebenso gewaltsam. Sie gebar Balder (Fürst), den lichten Gott, außerdem zwei weitere Söhne. So viel ich über Wodan las, so wenig wird über die Göttin berichtet. Sie hatte ihren Platz in ihrem Palast, umgeben von Dienerinnen oder Schwestern, möglicherweise Aspekten ihrer selbst. Dort gab sie Rat und Segen und empfing - auf goldenem Rocken spinnend, zuständig für das Glück der Ehe - die Bitten von Schutzsuchenden. Als Wissende wird sie bezeichnet, aber auch als Schweigende, die ihr Wissen nicht preisgab. Paul Hermann nennt sie die „Jungfrau der Sonne“, deren goldener Palast und Schmuck das Strahlen des Tagesgestirns repräsentieren. Das einzige Mal, wo sie aktiv wird, versucht sie, das Leben ihres Sohnes Balder zu schützen und verurteilt ihn damit tragischerweise zum Tode. Um ihre Wesenseinheit mit der Wanengöttin Freya herrscht bis heute keine Einigkeit unter den Mythenforschern. Die Vorstellung aber, dass aus der freien, in jeder Hinsicht selbstbestimmten Frau so ein domestiziertes Hausmütterchen wurde, geht mir jedenfalls ziemlich gegen den Strich.
In späteren Jahrhunderten machte Frigg dann mehr von sich reden. In Mecklenburg war sie noch vor wenigen Jahrhunderten als „Gode“ (weibl. Form von Wodan) bekannt, in Thüringen und Hessen als Frau Holda oder Hulda (Frau Holle), und im Süden war ihr Name Percht, Berchta oder Berta. Als Kind kannte ich Frau Holle schon aus ihrem Märchen und von dem Ausspruch, dass sie ihre Betten ausschüttelt, wenn es schneite. Gemeinsam mit Wodan führte sie in den Raunächten die wilde Jagd an, ihr Tag ist der 6. Januar. Viele Legenden ranken sich um sie, und viele Vorschriften bezüglich Haushaltsarbeiten waren während dieser Zeit zu beachten.
Als doppeltes Kuriosum sehe ich jedoch die Geschichte an, in der sie dem im Berge schlafenden Kaiser Barbarossa angeblich die Hauswirtschaft führen soll.
Mittlerweile habe ich zusätzlich zu dem Text des Runenbrieflehrgangs die alten Bücher hervorgekramt, bzw. das, was ich davon noch nicht wieder verkauft hatte, weil die Sache zieht mich immer mehr in ihren Bann. Leider gehört „Helrunar“ von Jan Fries zu denen, die ich weitergegeben habe.
Am meisten lese ich in „Der Brunnen der Erinnerung“ von Ralph Metzner, und für die Göttinnen der nordischen Mythologie habe ich mein „Lexikon der Göttinnen“ von Patricia Monaghan noch einmal hervorgeholt. Nachgelesen habe ich auch immer mal wieder bei Tor Age Bringsvaerd, der die nordische Mythologie in einem temperamentvollen und angeblich gut recherchierten Roman namens „Die wilden Götter“ verarbeitet hat, und in Freya Aswynns „Die Blätter von Yggdrasil“. Dann habe ich vor einigen Monaten mal die Lizenzausgabe eines altertümlichen Werkes von 1898 günstig bei Weltbild erstanden: „Deutsche Mythologie“ von Paul Hermann, worin es gewaltig tümelt und wild spekuliert wird. Weitere Bücher liegen noch ungeöffnet herum, und Webseiten habe ich auch schon entdeckt.Je tiefer ich mich auf diesen Wodan-Mythos einlasse, umso mehr bekomme ich den Eindruck, dass ich wirklich eine Nachfahrin derjenigen Leute bin, die diesen Gott als ihren obersten ansahen. Und ich meine auch zu erkennen, dass die gelebten Werte unserer modernen Gesellschaft immer noch von jenen Überzeugungen beeinflusst sind. Als erstes fiel mir dazu ‚Forschung um jeden Preis’ ein, Genmanipulation, Stammzellenforschung, militärische Forschung, um nur einiges zu nennen. Die christlichen Vorstellungen liegen nur wie eine dünne Tünche darüber und sind mehr im Bereich des Über-Ichs, bei Gewissensbelangen und Fragen der Ethik anzusiedeln.
O je, jetzt muss ich Farbe bekennen: ich mag keine männlichen Eingötter! Ich bin der festen Überzeugung, dass so lange Männer die Welt beherrschen, es keinen Frieden geben kann. So etwas wird wohl in manchen Kreisen ein Autoritätsproblem genannt, glaube ich.Jetzt kommen nämlich Odin/Wodan und später auch noch sein Sohn Thor, der alte Haudrauf, im Lerntext dran. Ich werde nicht um sie herum kommen, wie es scheint. Zumal es in der Nähe unseres Dorfes einen Hügel mit dem Namen „Wadberg“ gibt. Wodans Berg ist sozusagen unser Hausberg.Anderswelt: Dort oben habe ich mal den Berggeist gerufen und war gespannt, ob es Wodan sein würde, der sich zeigt. Es tauchte auch eine männliche Geistergestalt auf, die mich aber eher an Rübezahl erinnerte, ich weiß auch nicht genau wieso. Er war ziemlich groß und grobschlächtig, aber relativ wohlwollend, und ich fühlte mich von ihm gutmütig und etwas abschätzig belächelt. Ich werde ihn bestimmt noch mal besuchen gehen.Ich bin erstaunt zu erfahren, wie viele verschiedene Charaktere Odins/Wodans beschrieben werden.- Der Allvater: an der Spitze der zwölf Asen (der Olymp lässt grüßen), mit Goldhelm und Speer in seiner goldenen Halle ernährt er sich ausschließlich von Rotwein. Seine beiden Raben Hugin (Erkenntnis) und Munin (Erinnerung) sitzen neben seinem Haupt und flüstern ihm die Geheimnisse der verschiedenen Welten ins Ohr.
- Der Weltenschöpfer: er erschafft die Welt aus dem Körper Ymirs (bevor etwas neu geschaffen wird, muss erstmal ein Vorfahre ermordet werden!) und die Menschen aus zwei Hölzern.
- Der Sturmgott: auf seinem achtbeinigen Schimmel Sleipnir, mit Schlapphut und weitem, blauen Mantel reitet er an Mittwinter als „Wilder Jäger“ an der Spitze eines auf den Sturmwinden daher brausenden, wütenden Heeres, der „Wilden Jagd“.
- Der Himmelsgott: ein milder, segnender, Fruchtbarkeit spendender Wettergott
- Der Wintergott: das Winterwetter machend
- Der schlafende Gott: im Zauberschlaf träumend wie Barbarossa, Merlin und König Artus.
- Der Kriegsgott: mit seinen Raben und den Walküren wurden ihm auch Menschen geopfert.
- Der gütige Gott: zusammen mit seiner Frau rettet und unterrichtet er zwei gestrandete Königssöhne.
- Der Totengott: das nächtliche Heer besteht aus den Seelen Verstorbener, die Odin/Wodan im Inneren der Berge, seinem unterirdischen Reich, sammelt.
- Der Schamane und wissende Gott: er opfert ein Auge für den Trunk aus dem Brunnen der Erkenntnis. Angeblich erfand er sogar die Runen, die ihm Macht und Wissen verliehen, indem er sich einer neuntägigen Initiation, am Baum hängend, unterzog. (Es ist ja immerhin auch möglich, dass er sie für einen guten Batzen irgendeines gängigen Tauschmittels einem fahrenden Händler abhandelte, denn andere Völker benutzten Schriftzeichen bereits seit Jahrhunderten. Clever war es in jedem Falle.) Mit einem der weisesten Riesen lässt er sich auf einen Wissenswettstreit ein, den er durch einem Trick gewinnt. - Er verwandelt sich auch in Vögel oder andere wilde Tiere, Fische oder Drachen und reist in weit entfernte Gegenden, während sein Körper aussieht, als schliefe er oder sei tot. Er lernt, mit den Toten zu kommunizieren und verwendet den abgeschlagenen Kopf des Riesen Mimir zur Weissagung.
- Der merkurische Gott: die Römer setzten Odin/Wodan mit ihrem Götterboten Merkur gleich. Der Erwecker des Verstandes, der Wissen und wahres Verstehen schenken, aber außer Kontrolle geraten auch in den Wahnsinn treiben kann.
Es sind mehr als einhundert Namen dieses Gottes überliefert, die uns Aufschluss über sein Wesen und Treiben geben können. Den Namen der Schrecken haben wir schon im Zusammenhang mit Yggdrasil kennen gelernt. Weiter wurde er der Veränderliche, der Wachsame, der Hängende, der Maskierte, der Zwiefältige, der Wahrheitsfinder, der Verborgene, Jägerhansl, Hackelberend, Helljäger und Schimmelreiter genannt.Odin/Wodan war zunächst der Gott der aristokratischen Kriegerkasten, der Stammesfürsten und deren Gefolge. Beim einfachen Landvolk war Odin damals nicht sehr beliebt, diese Menschen fühlten sich den alten Vegetationsgottheiten der Wanen näher verbunden. Das hat sich im Zuge der Christianisierung bestimmt geändert. Da waren es dann die einfachen Leute, die ihm am längsten die Treue hielten, und dafür in späteren Jahrhunderten nicht selten vor der Inquisition landeten.Im Vorwort zur Prosa-Edda wird erwähnt, Odin/Wodan und die ihn begleitenden Asen seien Menschen gewesen, die ursprünglich aus Asien kamen, und deren König er war. Christlicher Kunstgriff oder Tatsache? Das wird heute niemand mehr herausfinden können, ist aber ein Gedanke, der mir gefällt. Denn es waren in jedem Fall Menschen, die diese Gottesvorstellung auf ihren Eroberungszügen mit sich brachten.Ich selber habe zumindest begriffen, dass es sich bei diesem Gott um ein Prinzip handelt, dass ich in einer Ultrakurzform als Erkenntnisdrang und Durchsetzungswillen bezeichnen möchte. Zwei Eigenschaften, die mir auch nicht ganz fremd sind, denn immerhin bin ich zurzeit ja auch auf Erkenntnissuche, in Bezug auf die Runen nämlich. Also Odin/Wodan, der Einäugige unter den Blinden, existiert. Ich muss ihn wohl anerkennen, aber verehren und feiern muss ich ihn deswegen noch lange nicht, oder?Wer weiß?
Mythologie ist immer schon eines meiner Interessensgebiete gewesen. Das fing schon früh mit Märchen, der Bibel und anderen Sagengeschichten bei mir an. Ich interessierte mich für die Griechischen und die Römischen Götter, die Sumerischen und die Ägyptischen, die Keltischen und natürlich auch für die Nordisch-Germanischen Götter und Göttinnen, deren Namen mir auch alle geläufig waren. Später verwarf ich diese Systeme wieder als zu patriarchal und interessierte mich nur noch für die Göttinnen aus aller Welt und allen Kulturen.Bei der Beschäftigung mit den Runen ist es jedoch praktisch unmöglich, die Nordischen Götter und Göttinnen auszuklammern. Jede Rune ist auf der energetischen Ebene mit einer Gottheit verbunden. Meine Sympathien gehen dabei ganz klar in Richtung der Wanen, dem älteren der beiden Göttergeschlechter. Die Asen sind mir als Frau einfach zu kriegerisch. ‚Wanen’ bedeutet die Strahlenden, und gemeint waren wohl die Himmelslichter Sonne, Mond und Sterne, ebenso wie ein Feuergott, die angebetet wurden. Im Runenbrieflehrgang steht ein Zitat von Tacitus: „Die Götter in Tempelwände einzuschließen oder der Menschengestalt irgend ähnlich zu bilden, dies halten sie für unverträglich mit der Größe der Himmlischen. Wälder und Haine weihen sie ihnen, und mit dem Namen der Gottheit bezeichnen sie jenes Geheimnis, das sie nur im Glauben schauen.“ Das erinnert mich an den Namen, den Teile der Amerikanischen Ureinwohner ihrem Schöpfergott geben: „Das Große Geheimnis“.
Ich könnte mir vorstellen, dass diese alten, mit Fruchtbarkeit und Fülle in Verbindung stehenden Gottheiten die Göttinnen des Alten Europa waren, einer friedlichen, neolithischen Ackerbaukultur, wie z.B. jener, von der das Fundmaterial zur Vinca-Schrift stammt.
Mit der Übernahme der Herrschaft durch die Asen wandelt sich die Vorstellung vom Göttlichen allmählich. Die Objekte der Anbetung erhalten nach und nach immer mehr individuelle Persönlichkeit und fassbare Gestalt. Aus den zuvor verehrten leuchtenden, abstrakten himmlischen Kräften werden menschenähnliche Charaktere.
In drei großen Wellen fielen die Indoeuropäer aus den kaukasischen Gegenden in Europa ein, Marija Gimbutas nennt sie nach den für sie typischen Grabhügeln ‚Kurganvölker’. Zu ihnen gehörten neben den Kelten, Hellenen, Slawen und Italikern auch die Germanen. Diese Völker brachten ein neues, personifiziertes Götterbild von kriegerischem Charakter mit sich und einen hierarchisch aufgebauten Pantheon. Das waren bei den Germanen die Asen mit ihrem Obergott, dem Sturmgott Wodan oder Wotan, nordisch Odin, an der Spitze. Dort, wo sie eintrafen, kam es zu Kämpfen um den Reichtum des Landes. In der Edda (altisl. Urgroßmutter), der berühmten Isländischen Textsammlung, werden sie als gewaltiger, zerstörerischer Krieg zwischen den Wanen und den Asen beschrieben. Dieser konnte nur durch einen Austausch von Geiseln beendet werden. Danach gerieten die Wanen bis auf ihre bei den Asen lebenden Geiseln allmählich in Vergessenheit. Unter diesen Geiseln war auch Freya, die freie Frau, eine von mir sehr geschätzte Göttin, für mich der Inbegriff von Weiblichkeit.