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13.5.07

Tacitus

Jetzt habe ich den Tacitus endlich selber gelesen. Ich fand eine Downloadseite und habe ihn mir ausgedruckt. Der Text ist nur rund zwölf DIN A-4 Seiten lang aber sehr lesenswert, für mich zurzeit zweifelsohne. Außer den Informationen, die ich in der Sekundärliteratur schon gefunden hatte, entdeckte ich auch mancherlei Neues.

Vor einiger Zeit notierte ich, dass die Beschreibung der frühen Germanen mich sehr an die Berichte über die Amerikanischen Natives erinnerte. Bei Tacitus fand ich noch mehr dazu. Er schreibt: „Ihre Ungebundenheit hat eine üble Folge: sie finden sich nie gleichzeitig und nicht wie auf Befehl zur Versammlung ein; vielmehr gehen über dem Säumen der Eintreffenden zwei oder drei Tage verloren. Sobald es der Menge beliebt, nimmt man Platz,…“ Ähnliches las ich mal über das Zeitverständnis der Indianer. Es wurde von Seiten der Weißen beklagt, dass die Eingeborenen Verhandlungspartner bei Zusammenkünften mit den Vertretern der Amerikanischen Regierung öfters erst einige Tage nach dem anberaumten Termin eintrafen. Dafür brachten sie dann aber alle Zeit der Welt mit und konnten so lange bleiben, bis die Verhandlungen zu einem Ende gekommen waren.

Dann las ich etwas über das Deuten des Vogelflugs (wie bei den Etruskern!) und über das Pferdeorakel, welches als die sicherste Vorhersage galt. Die Pferde wurden vor heilige Wägen gespannt, und Priester und Stammesführer deuteten daraufhin ihr Wiehern und Schnauben. „… sich selbst halten sie nämlich nur für Diener der Götter, die Pferde hingegen für deren Vertraute.“

Noch ein interessantes Detail, das mir bisher gar nicht so bewusst gewesen war: „Allgemeine Tracht ist ein Umhang, mit einer Spange oder notfalls einem Dorn zusammengehalten. Im Übrigen sind sie unbekleidet; ganze Tage verbringen sie so am Herdfeuer.“ Und: „Die Frauen sind nicht anders gekleidet als die Männer nur hüllen sie sich öfters in Umhänge aus Leinen, die sie mit Purpurstreifen verzieren. Auch lassen sie den oberen Teil ihres Gewandes nicht in Ärmel auslaufen; Unter- und Oberarm sind nackt, doch auch der anschließende Teil der Brust bleibt frei.“ Brrr… wie kalt! Und das, obwohl er an anderer Stelle schreibt: „Gleich nach dem Schlafe, den sie häufig bis in den lichten Tag hinein ausdehnen, waschen sie sich, öfters warm, da bei ihnen die meiste Zeit Winter ist.“

Die häufig von modernen Autoren geäußerte Vermutung, Tacitus hätte mit seinem Bericht über die Germanen seinen dekadenten Landsleuten einen Sittenspiegel vorhalten wollen, fand ich im Allgemeinen nicht bestätigt. Das kann allerhöchstens für die Darstellung des rigiden Umgangs mit Sexualität und Partnerschaft gelten. Aber darüber weiß ich selber zu wenig, als dass ich das wirklich beurteilen könnte. Vielleicht waren die Germanen ja wirklich so, möglicherweise auch im gewollten Gegensatz zu der fruchtbaren und sinnenfrohen Kultur, die vor ihnen existierte und deren Götter die Wanen gewesen waren.

Spielsucht: „Das Würfelspiel betreiben sie seltsamerweise in voller Nüchternheit [im Gegensatz zum üblichen Gezeche bei ihren Zusammenkünften], ganz wie ein ernsthaftes Geschäft; ihre Leidenschaft im Gewinnen und Verlieren ist so hemmungslos, dass sie, wenn sie alles verspielt haben, mit dem äußersten und letzten Wurf um die Freiheit und ihren eigenen Leib kämpfen. Der Verlierer begibt sich willig in die Knechtschaft, mag er auch jünger, mag er kräftiger sein, er lässt sich binden und verkaufen. So groß ist ihr Starrsinn an verkehrter Stelle; sie selbst reden von Treue. Sklaven, die sie auf diese Art gewonnen haben, veräußern sie weiter, um auch sich selbst von der Peinlichkeit des Sieges zu befreien.“

Bauten die Germanen schon Fachwerkhäuser? „Nicht einmal Bruchsteine oder Ziegel sind bei ihnen im Gebrauch; zu allem verwenden sie unbehauenes Holz, ohne auf ein gefälliges oder freundliches Aussehen zu achten. Einige Flächen bestreichen sie recht sorgfältig mit einer so blendend weißen Erde, dass es wie Bemalung und farbiges Linienwerk aussieht.“

Hinweise auf matriarchale Relikte fand ich auch ein paar: „Die Söhne der Schwestern sind dem Oheim ebenso teuer wie ihrem Vater. Manche Stämme halten diese Blutsbande für heiliger noch und enger und geben ihnen den Vorzug,…“ Ebenso wie den Bericht über den Stamm der Astier (die Esten?), die an den östlichen Küsten der Ostsee siedelten: „Sie verehren die Mutter der Götter. Als Wahrzeichen ihres Kultes tragen sie Bilder von Ebern [Freya und Freyr lassen grüßen! Und schon in der jüngeren Steinzeit wurde die Erde in der Gestalt einer Schweinegöttin verehrt.]: die dienen als Waffe und Schutzwehr gegen jede Gefahr und gewähren dem Verehrer der Göttin selbst unter Feinden Sicherheit Selten werden Waffen aus Eisen verwendet, häufiger Knüttel. Getreide und andere Feldfrüchte ziehen die Astier mit größerer Geduld, als die übliche Trägheit der Germanen erwarten lässt.“ Lebten diese Menschen vielleicht noch überwiegend in dem alten Mutterrechtlichen System der Acker bauenden Großsteingräberleute?

Wie auch die „Fennen“ (Vorfahren der heutigen Finnen und/oder Samen?), von deren Stamm Tacitus nicht weiß, ob er ihn den Germanen zurechnen soll. Ihre Lebensweise beschreibt er als roh und dürftig. Auf mich wirkt sie eher wie eine nomadische Jäger- und Sammlerinnenkultur ohne feste Behausungen, Metallwaffen und Reitpferde.

20.2.07

Noch mehr Quellen

Es wird immer aufregender. Mittlerweile lese ich von Jenny Blain „Seidr“, ein Buch über eine nordische Art der Weissagung, die sehr an die schamanische Reisetechnik erinnert.

Zeitgleich lese ich ein Buch über „Die ersten Deutschen“ von S. Fischer-Fabian, spannend wie ein Krimi! Der Buchtitel ist zwar nicht ganz korrekt, denn Deutsche waren es damals sicher nicht. Wenn es auch einen Stamm mit dem Namen „Teutonen“ gab, der aber schon rund hundert Jahre vor der Zeitenwende ausgelöscht wurde. Die einzelnen Kapitelüberschriften sind auch nicht anders als reißerisch wie Bild-Zeitungs-Schlagzeilen zu nennen. Aber in dem Buch steht z.B. drin, dass die Runen möglicherweise aus dem etruskischen Alphabet abgeleitet worden sind, welches die Kimbern und Teutonen bei einer ihrer Begegnungen mit den Römern kennen gelernt und in ihre Jütländische Heimat gebracht haben. Ich habe auch begriffen, dass die nordische und die germanische Mythologie zwei Paar Schuh sind. Ja, es gibt nicht einmal eine einheitliche germanische Mythologie. Mythologien sind so lebendig und veränderlich wie die Sprache oder die menschliche Kultur überhaupt.

So wie die Germanen in dem Buch beschrieben werden, haben sie mich sehr an die Ureinwohner von Nordamerika erinnert. Sie waren stolz, aufbrausend und tapfer, immer bereit, die eigene Ehre oder was sie darunter verstanden, mit Fäusten oder Waffen zu verteidigen. Sie lebten in Stämmen, die untereinander zerstritten und in andauernde kriegerische Auseinandersetzungen verwickelt waren und zeigten im Kampf eine wilde Grausamkeit (im Gegensatz zu der kalkulierten Grausamkeit der Römer). Z.B. machten sie oft keine Gefangenen, sondern opferten alle Gegner samt der Beute ihren Göttern, hängten sie in Bäumen auf, schlachteten sie auf Altären und in Gruben. Sie hatten einen unbändigen Freiheitswillen und wählten Anführer nur im Kriegsfall, und die Frauen trugen das Haar in der Mitte gescheitelt in zwei geflochtenen Zöpfen – angeblich erfanden die Germanen sogar die Haarbürste. Später trugen die Germaninnen aber auch noch andere Frisuren.

Sie hielten sich auch Sklaven, vor allem slawische, gallische und römische, die letzteren brachten u.U. gute Lösegelder ein. Die Kriegsgefangenen aus den Nachbarstämmen verhökerten sie bei den Sklavenhändlern, die teilweise zu ihnen kamen, aber auch in jeder römischen Garnison zu finden waren, denn germanische Sklaven standen in Rom hoch im Kurs. Genauso machten es vor ein paar Hundert Jahren noch die Afrikaner miteinander.

Und ich habe Arminius-Superheld mal ein bisschen näher kennen gelernt. Offensichtlich haben wir es den Fähigkeiten und Absichten dieses Cheruskers, der nicht Hermann hieß, zu verdanken, dass wir heute in Deutschland keine romanische Sprache sprechen, obwohl manche meinen, die Cherusker seien eher Kelten als Germanen gewesen. Aber vielleicht hätten wir uns im anderen Falle die Erbfeindschaft mit Frankreich, die Nazis und die zwei Weltkriege sparen können, wer weiß?

Habe schon wieder ein neues Buch bestellt – Rudolf Simeks „Götter und Kulte der Germanen“, und aktuell überlege ich, mir auch Tacitus „Germania“ zuzulegen. Ich komme gar nicht mehr dazu, im Runenlehrgang weiterzulesen, weil ich auch noch möglichst viel über die germanischen Frauen erfahren will. Ich befürchte langsam, ich gerate momentan in einen Germanenwahn.

27.1.07

Wanen und Asen

Mythologie ist immer schon eines meiner Interessensgebiete gewesen. Das fing schon früh mit Märchen, der Bibel und anderen Sagengeschichten bei mir an. Ich interessierte mich für die Griechischen und die Römischen Götter, die Sumerischen und die Ägyptischen, die Keltischen und natürlich auch für die Nordisch-Germanischen Götter und Göttinnen, deren Namen mir auch alle geläufig waren. Später verwarf ich diese Systeme wieder als zu patriarchal und interessierte mich nur noch für die Göttinnen aus aller Welt und allen Kulturen.

Bei der Beschäftigung mit den Runen ist es jedoch praktisch unmöglich, die Nordischen Götter und Göttinnen auszuklammern. Jede Rune ist auf der energetischen Ebene mit einer Gottheit verbunden. Meine Sympathien gehen dabei ganz klar in Richtung der Wanen, dem älteren der beiden Göttergeschlechter. Die Asen sind mir als Frau einfach zu kriegerisch. ‚Wanen’ bedeutet die Strahlenden, und gemeint waren wohl die Himmelslichter Sonne, Mond und Sterne, ebenso wie ein Feuergott, die angebetet wurden.

Im Runenbrieflehrgang steht ein Zitat von Tacitus: „Die Götter in Tempelwände einzuschließen oder der Menschengestalt irgend ähnlich zu bilden, dies halten sie für unverträglich mit der Größe der Himmlischen. Wälder und Haine weihen sie ihnen, und mit dem Namen der Gottheit bezeichnen sie jenes Geheimnis, das sie nur im Glauben schauen.“ Das erinnert mich an den Namen, den Teile der Amerikanischen Ureinwohner ihrem Schöpfergott geben: „Das Große Geheimnis“.

Ich könnte mir vorstellen, dass diese alten, mit Fruchtbarkeit und Fülle in Verbindung stehenden Gottheiten die Göttinnen des Alten Europa waren, einer friedlichen, neolithischen Ackerbaukultur, wie z.B. jener, von der das Fundmaterial zur Vinca-Schrift stammt.

Mit der Übernahme der Herrschaft durch die Asen wandelt sich die Vorstellung vom Göttlichen allmählich. Die Objekte der Anbetung erhalten nach und nach immer mehr individuelle Persönlichkeit und fassbare Gestalt. Aus den zuvor verehrten leuchtenden, abstrakten himmlischen Kräften werden menschenähnliche Charaktere.

In drei großen Wellen fielen die Indoeuropäer aus den kaukasischen Gegenden in Europa ein, Marija Gimbutas nennt sie nach den für sie typischen Grabhügeln ‚Kurganvölker’. Zu ihnen gehörten neben den Kelten, Hellenen, Slawen und Italikern auch die Germanen. Diese Völker brachten ein neues, personifiziertes Götterbild von kriegerischem Charakter mit sich und einen hierarchisch aufgebauten Pantheon. Das waren bei den Germanen die Asen mit ihrem Obergott, dem Sturmgott Wodan oder Wotan, nordisch Odin, an der Spitze.

Dort, wo sie eintrafen, kam es zu Kämpfen um den Reichtum des Landes. In der Edda (altisl. Urgroßmutter), der berühmten Isländischen Textsammlung, werden sie als gewaltiger, zerstörerischer Krieg zwischen den Wanen und den Asen beschrieben. Dieser konnte nur durch einen Austausch von Geiseln beendet werden. Danach gerieten die Wanen bis auf ihre bei den Asen lebenden Geiseln allmählich in Vergessenheit. Unter diesen Geiseln war auch Freya, die freie Frau, eine von mir sehr geschätzte Göttin, für mich der Inbegriff von Weiblichkeit.