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13.5.07

Tacitus

Jetzt habe ich den Tacitus endlich selber gelesen. Ich fand eine Downloadseite und habe ihn mir ausgedruckt. Der Text ist nur rund zwölf DIN A-4 Seiten lang aber sehr lesenswert, für mich zurzeit zweifelsohne. Außer den Informationen, die ich in der Sekundärliteratur schon gefunden hatte, entdeckte ich auch mancherlei Neues.

Vor einiger Zeit notierte ich, dass die Beschreibung der frühen Germanen mich sehr an die Berichte über die Amerikanischen Natives erinnerte. Bei Tacitus fand ich noch mehr dazu. Er schreibt: „Ihre Ungebundenheit hat eine üble Folge: sie finden sich nie gleichzeitig und nicht wie auf Befehl zur Versammlung ein; vielmehr gehen über dem Säumen der Eintreffenden zwei oder drei Tage verloren. Sobald es der Menge beliebt, nimmt man Platz,…“ Ähnliches las ich mal über das Zeitverständnis der Indianer. Es wurde von Seiten der Weißen beklagt, dass die Eingeborenen Verhandlungspartner bei Zusammenkünften mit den Vertretern der Amerikanischen Regierung öfters erst einige Tage nach dem anberaumten Termin eintrafen. Dafür brachten sie dann aber alle Zeit der Welt mit und konnten so lange bleiben, bis die Verhandlungen zu einem Ende gekommen waren.

Dann las ich etwas über das Deuten des Vogelflugs (wie bei den Etruskern!) und über das Pferdeorakel, welches als die sicherste Vorhersage galt. Die Pferde wurden vor heilige Wägen gespannt, und Priester und Stammesführer deuteten daraufhin ihr Wiehern und Schnauben. „… sich selbst halten sie nämlich nur für Diener der Götter, die Pferde hingegen für deren Vertraute.“

Noch ein interessantes Detail, das mir bisher gar nicht so bewusst gewesen war: „Allgemeine Tracht ist ein Umhang, mit einer Spange oder notfalls einem Dorn zusammengehalten. Im Übrigen sind sie unbekleidet; ganze Tage verbringen sie so am Herdfeuer.“ Und: „Die Frauen sind nicht anders gekleidet als die Männer nur hüllen sie sich öfters in Umhänge aus Leinen, die sie mit Purpurstreifen verzieren. Auch lassen sie den oberen Teil ihres Gewandes nicht in Ärmel auslaufen; Unter- und Oberarm sind nackt, doch auch der anschließende Teil der Brust bleibt frei.“ Brrr… wie kalt! Und das, obwohl er an anderer Stelle schreibt: „Gleich nach dem Schlafe, den sie häufig bis in den lichten Tag hinein ausdehnen, waschen sie sich, öfters warm, da bei ihnen die meiste Zeit Winter ist.“

Die häufig von modernen Autoren geäußerte Vermutung, Tacitus hätte mit seinem Bericht über die Germanen seinen dekadenten Landsleuten einen Sittenspiegel vorhalten wollen, fand ich im Allgemeinen nicht bestätigt. Das kann allerhöchstens für die Darstellung des rigiden Umgangs mit Sexualität und Partnerschaft gelten. Aber darüber weiß ich selber zu wenig, als dass ich das wirklich beurteilen könnte. Vielleicht waren die Germanen ja wirklich so, möglicherweise auch im gewollten Gegensatz zu der fruchtbaren und sinnenfrohen Kultur, die vor ihnen existierte und deren Götter die Wanen gewesen waren.

Spielsucht: „Das Würfelspiel betreiben sie seltsamerweise in voller Nüchternheit [im Gegensatz zum üblichen Gezeche bei ihren Zusammenkünften], ganz wie ein ernsthaftes Geschäft; ihre Leidenschaft im Gewinnen und Verlieren ist so hemmungslos, dass sie, wenn sie alles verspielt haben, mit dem äußersten und letzten Wurf um die Freiheit und ihren eigenen Leib kämpfen. Der Verlierer begibt sich willig in die Knechtschaft, mag er auch jünger, mag er kräftiger sein, er lässt sich binden und verkaufen. So groß ist ihr Starrsinn an verkehrter Stelle; sie selbst reden von Treue. Sklaven, die sie auf diese Art gewonnen haben, veräußern sie weiter, um auch sich selbst von der Peinlichkeit des Sieges zu befreien.“

Bauten die Germanen schon Fachwerkhäuser? „Nicht einmal Bruchsteine oder Ziegel sind bei ihnen im Gebrauch; zu allem verwenden sie unbehauenes Holz, ohne auf ein gefälliges oder freundliches Aussehen zu achten. Einige Flächen bestreichen sie recht sorgfältig mit einer so blendend weißen Erde, dass es wie Bemalung und farbiges Linienwerk aussieht.“

Hinweise auf matriarchale Relikte fand ich auch ein paar: „Die Söhne der Schwestern sind dem Oheim ebenso teuer wie ihrem Vater. Manche Stämme halten diese Blutsbande für heiliger noch und enger und geben ihnen den Vorzug,…“ Ebenso wie den Bericht über den Stamm der Astier (die Esten?), die an den östlichen Küsten der Ostsee siedelten: „Sie verehren die Mutter der Götter. Als Wahrzeichen ihres Kultes tragen sie Bilder von Ebern [Freya und Freyr lassen grüßen! Und schon in der jüngeren Steinzeit wurde die Erde in der Gestalt einer Schweinegöttin verehrt.]: die dienen als Waffe und Schutzwehr gegen jede Gefahr und gewähren dem Verehrer der Göttin selbst unter Feinden Sicherheit Selten werden Waffen aus Eisen verwendet, häufiger Knüttel. Getreide und andere Feldfrüchte ziehen die Astier mit größerer Geduld, als die übliche Trägheit der Germanen erwarten lässt.“ Lebten diese Menschen vielleicht noch überwiegend in dem alten Mutterrechtlichen System der Acker bauenden Großsteingräberleute?

Wie auch die „Fennen“ (Vorfahren der heutigen Finnen und/oder Samen?), von deren Stamm Tacitus nicht weiß, ob er ihn den Germanen zurechnen soll. Ihre Lebensweise beschreibt er als roh und dürftig. Auf mich wirkt sie eher wie eine nomadische Jäger- und Sammlerinnenkultur ohne feste Behausungen, Metallwaffen und Reitpferde.

26.4.07

Ragnarök

„Am 30. Mai ist der Weltuntergang, wir leben nicht mehr lang, wir leben nicht mehr lang." (Golgowsky-Quartett, 1954)

Ragnarök oder die Götterdämmerung, wie es bei Richard Wagner heißt, ist das Ende der Welt nach der Auffassung des nordischen Götterglaubens. Die Vorstellung allein jagt mir immer einen kleinen Schauder über. Ich kann es nicht wirklich gedanklich erfassen, weil es im Grunde eine bloße Angstfantasie oder eine ins allgemeine übertragene Todesfurcht ist. Ich fand bei meiner Suche aber eine Webseite von der Liste aller mit Datum angekündigten Weltuntergänge. Danach hat es allein während meiner Lebenszeit schon fast Hundert davon gegeben. Das relativiert die Geschichte wieder auf sehr angenehme Weise.

Apokalyptische Prophezeiungen existieren bereits seit der frühen Antike. Es scheint ein Thema zu sein, das die Menschen immer schon beschäftigt hat. Heutzutage ist es für manche Sekten vielleicht auch ein gutes Geschäft, für die Medien allemal. Zahlreiche Spielfilme handeln davon: Dooms Day, Armaggeddon, Deep Impact, The Core sind nur einige, die mir spontan dazu einfallen, obwohl ich solche Endzeitfilme überhaupt nicht gern schaue, weil humorlose Machohelden mir ein Gräuel sind. Eine Ausnahme bildet da „Per Anhalter durch die Galaxis“, das auch mit dem Ende der Welt beginnt.

Weltuntergänge zu fürchten scheint schon zu den Zeiten der nomadisierenden Indoeuropäer gang und gäbe gewesen zu sein, darauf lassen die Berichte von den verschiedenen Völkern dieser Kultur schließen. Denn Vulkanausbrüche, Erdbeben, Eiszeiten, Dürreperioden, das Ansteigen des Meeresspiegels und die Einschläge von Meteoriten sind reale Bedrohungen für das Überleben. Und die Erinnerung an solche Ereignisse, sofern sie überlebt wurden, wird für viele Generationen lang gespeichert. Heute gesellen sich noch der nukleare Holocaust, Killerviren und andere Menschen gemachte Vernichtungsmöglichkeiten dazu. Der Suchbegriff „Weltuntergangsstimmung“ ergab bei google fast 38.000 Seiten!

Ragnarök, das „Schicksal der Götter“, beginnt mit dem Tod Balders und der Verurteilung Lokis deswegen. Ein extrem kalter und dunkler Winter setzt ein und dauert ohne Unterbrechung drei Jahre lang an. Die Himmelswölfe verschlingen Sonne und Mond, und die Sterne fallen vom Firmament, bringen die Gebirge zum Einsturz und lösen die Fesseln aller Ungeheuer und Feinde der Götter und Menschen. Aus dem unbekannten Süden, vom Feuerreich Muspellheim her, kommen Reiter, die die Welt in Brand setzen. Unter ihrem Gewicht bricht die Regenbogenbrücke Bifröst zusammen. In der Entscheidungsschlacht wird Odin vom Fenriswolf verschlungen, Thor und die Midgardschlange bringen einander um. Freyr wird vom Feuerriesen Surt erschlagen, Tyr und der Höllenhund Garm töten sich gegenseitig, ebenso wie Heimdall und Loki. Die ganze Welt brennt. Selbst Yggdrasil, die Weltenesche, steht in Flammen. Miteinander versinkt alles im Meer.

Doch aus den Fluten erhebt sich alsdann eine neue Erde, grün und wunderbar, auf der das Korn ganz von allein wächst. Die überlebenden Asen versammeln sich auf einem Hügel, und das einzige, im Schlaf gerettete Menschenpaar, Bruder und Schwester, werden die Ahnen eines neuen Menschengeschlechts.

Allerdings habe ich bei der ganzen Sache nichts über die Göttinnen gelesen, sie werden mit keinem Wort erwähnt. Was das wohl zu bedeuten hat?


Was ich mich außerdem immer gefragt habe: ist das nun schon passiert, oder kommt das noch? Darüber gibt es zwar eine Menge Theorien, aber so richtig zufrieden stellen tut mich keine davon. Es ist und bleibt eben eine Geschichte, so wie die vielen anderen, die die Menschen sich immer schon erzählt haben. Und dass die Frauen darin unterschlagen werden, kennen wir ja zur Genüge...

20.4.07

Nochmal Freya

Mir gefällt die Theorie, dass die Wanengöttin Freya, die möglicherweise später zu Wodans Ehefrau Freja (Frigg) wurde, ursprünglich die Große Göttin des Neolithikums war. Und dass sie mit ihrer Mutter Njörd, die bei Tacitus Nerthus genannt wird, und die bei den Germanen kurzerhand in einen männlichen Gott verwandelt wurde, eine Mutter-Tochter-Zweiheit bildet, ähnlich wie Demeter und Persephone in der griechischen Mythologie. Dazu passt auch, dass Freya ursprünglich als Jungfrau gedacht war. Der Begriff Jungfrau bedeutete in früheren Zeiten nämlich nicht unbedingt eine sexuell unerfahrene Frau, sondern eine Frau, die keinem Mann angehörte und selbstbestimmt lebte. Loki hat sie dafür auch in einer Schmährede vor allen anderen Göttern verurteilt. Manche glauben, dass ihr Bruder-Geliebter Freyr ursprünglich ihr kleiner Sohn war, ein ähnliches Bild wie das der heute immer noch auf diese Weise dargestellten christlichen Madonna. Später wurde Freyr (Fro, Fricco = Herr) als ein Vegetationsgott angesehen, ein Beherrscher des Wetters, der seltsamerweise weder in Asgard noch in Wanaheim zuhause war, sondern bei den Lichtelfen wohnte.

Auf jeden Fall ist Freya eine Naturgottheit, die fruchtbare Erde selber und eine Frühlingsgöttin. Was liegt da näher, als sie auch als Liebesgöttin anzurufen, wo doch Liebe und Fruchtbarkeit einstmals eng zusammengehörten. Sie besitzt ein Falkengewand und ein Schwanenkleid, mit denen sie sich in die entsprechenden Vögel verwandeln kann, was auf schamanische Wurzeln hindeutet. Zumal sie auch des Seid kundig ist, einer Nordischen Variante der schamanischen Trance, die Odin von ihr lernt. Zur Todesgöttin wird sie, wenn sie auf dem Schlachtfeld die Hälfte aller Gefallenen für sich auswählt (nur die im Krieg getöteten Frauen?) und in die Sitzhalle Sessrumir in ihrem Palast Folkwang bringt. Ich kann da geradezu die ganzen gemütlichen Sessel, Lehnstühle, Sofas, Couchen, Diwans, Kanapees, Polsterbänke, Ottomanen, Recamieren und Chaiselongues vor mir sehen – ein schöner Tod, wenn dann auch noch Getränke gereicht werden und leise Musik gespielt wird...

Auch ein Kampfschwein namens Hildiswini gehört zu Freyas Attributen und einer ihrer Ehrennamen war "Sau". Gefahren kam sie in einem Wagen, der von Katzen gezogen wurde. Berühmt und geheimnisvoll ist auch ihr prächtiger Halsschmuck Brisingamen, den nie ein Mensch sah und der von vier Zwergen geschmiedet wurde, mit denen sie angeblich als Bezahlung jeweils eine Liebesnacht verbringen musste. Das könnte nun jemand für üble Nachrede halten, aber warum auch eigentlich nicht? Die Moralvorstellung waren zu jenen Zeiten ganz sicherlich andere, und Sex galt einstmals als heilige Handlung. Andere wiederum meinen, der Halsschmuck sei aus Bernstein gewesen, dem Gold des Nordens. Brisingamen wird auch mit den Strahlen der Sonne in Verbindung gebracht, nannten die Germanen doch die Sonne ihre Goldene Jungfrau. Ebenso hat der Halsschmuck möglicherweise mit dem Regenbogen und der Brücke Bifröst zu tun. Allerdings gibt es unzählige Darstellungen von jungsteinzeitlichen Göttinnen, die sowohl als kleine Statuetten als auch in Form von Stelen und als Steinreliefs und in Höhlen gefunden worden sind, und die alle mit einer oft dreifachen Halskette geschmückt sind.

Sowohl unser Freitag wurde nach Freya benannt, als auch leitet sich das Wort Frau von ihrem Namen ab und bedeutet ursprünglich „die Freie“.









Freya, Silberbrosche aus Schweden, 6. Jahrh.

1.3.07

Tod, Frauen und die Erdgöttin

Über die Jenseitsvorstellungen und den Umgang mit dem Tod habe ich in dem Buch „Die Frau bei den Germanen“ von Jakob Amstadt etwas mehr erfahren können. Er schreibt, dass die Germanen den Menschen nicht in Leib und Seele einteilten, so wie es die Griechen schon in der Antike taten. Sie unterschieden nicht so klar zwischen Leben und Tod, wie wir heutigen Menschen. Der Tod schien ihnen nur eine Abwesenheit zu sein, von der man wiederkehren kann, so wie vielleicht der Großvater im Enkel wieder ins Leben zurückkehrt. „Für die Germanen lebte der Tote in einer anderen Dimension und zeigte dieses Dasein zu gewissen Zeiten und in bestimmten Formen seiner Existenz.“ Jetzt verstehe ich es besser, warum sie anscheinend so Todes verachtend waren.

Über die Frauen habe ich auch einiges erfahren, trotzdem wird mir ihre Stellung innerhalb der germanischen Gesellschaft nicht wirklich deutlich. Die Berichte reichen von Priesterinnen und Wahrsagerinnen, die bei den Wanderungen der Kimbern vorangingen und die Richtung bestimmten und die über den Zeitpunkt und den Ausgang von Schlachten weissagten, bis hin zu Frauen, die nach einem Ehebruch von ihren Männern ungestraft kahl geschoren, nackt durchs Dorf gepeitscht und ersäuft wurden. Die Spanne ist also breit.

Jedenfalls waren sie vom öffentlichen Leben ausgeschlossen. Sie saßen nicht mit im Thing, der Rats- und Gerichtsversammlung, und sie feierten und tranken auch nicht gemeinsam mit den Männern.

Über Frau Holle und Barbarossa im Kyffhäuser habe ich inzwischen auch etwas Neues gelesen. In Amstadts Buch wird über Funde berichtet, die belegen, dass die Höhlen im Kyffhäuser schon seit der Steinzeit der Kultplatz einer Göttin gewesen seien.


Anderswelt: Ich wollte dem Geist der Erde oder der Erdgöttin begegnen. Lange hatte ich diese Reise vor mir her geschoben, fürchtete mich etwas davor - zu Recht, wie sich herausstellen sollte. Zweimal hatte ich die Göttin schon in einer kurzen Halbtrance besucht. Beide Male machte sie mir in unmissverständlicher Weise klar, dass sie und ich wirklich eins sind.

Gestern rief ich endlich meine Verbündeten und flog mit ihnen zunächst eine Weile über den Globus dahin und dann in die Erde hinein. In einer unterirdischen Höhle legte ich mich wie ein Opfer nackt auf einen großen Steinquader. Warum ich das tat, weiß ich selber nicht, es war halt so. Die Göttin kam herbei und war ganz dunkel, schwarz-braunes langes Haar, dessen herabhängende Wellen an fruchtbare Ackerfurchen erinnerten. So hatte ich mir ungefähr die sumerische Totengöttin Ereshkigal vorgestellt. Sie hätte auch Nerthus sein können, Jörd, Hekate, Hel, die Morrigan. Ich wusste gleich, ich würde etwas hergeben müssen.

Und richtig, sie schnitt mir den Leib der Länge nach auf und entnahm daraus alles, die Eingeweide, die Knochen und den ganzen Rest. Stück für Stück warf sie das in eine Flammengrube neben dem Felsenaltar, bis nur noch meine Haut wie eine leere Hülle übrig blieb. Diese zog sie sich über und sah nun aus wie ich. Der Stein war leer, ich selber war nicht mehr da. Die Göttin begann zu tanzen, setzte ihre Füße präzise in einem unsichtbaren Muster auf und bewegte sich anmutig und gemessen durch den Raum, wobei sie sich auch um sich selber drehte. Ich erhielt die Botschaft: hör auf zu denken, dein Ich, d-ich gibt es nicht mehr, tanze!

Durch Bilder und Figuren, die sie mit ihrem Körper formte, wurde mir außerdem deutlich gemacht, dass die Pole männlich/weiblich, Konzentration/Ausdehnung, Monotheismus/Pantheismus von mir immer noch viel zu sehr in gut und schlecht eingeteilt werden. Sie zeigte mir, dass es sich damit eher wie beim Atmen verhält - ein/aus – oder wie die Ausdehnung und das wieder Zusammenziehen des ganzen Universums wie ein großer Atem. Beides gehört zusammen und ist die Bewegung des Lebens.

Ich war etwas panisch, weil ich die ganze Zeit nicht mehr vorhanden war und erwartete irgendwie, wieder zusammengesetzt zu werden. Stattdessen rief die Trommel zur Umkehr, und ich musste gehen. Beim Abschied rief mir die Göttin hinterher: „Komm wieder!“



Ich bin die Erde,
ein Stein und ein Baum.
Sterbe und werde
als wie im Traum.


18.2.07

Prinzessin, Riesin, Meereswellen

Und dann gibt es noch eine nette Geschichte, die fast wie ein Märchen anmutet, von einer russischen Prinzessin namens Rindr (Rind, Rinda), die „weiß wie die Sonne“ war (eine Sonnengöttin?). Odin reiste als Krieger verkleidet an ihren Hof, um sie für sich zu gewinnen. Er vollbrachte viele Heldentaten, aber sie wies ihn ab. Im nächsten Jahr kam er als kunstfertiger, reicher Goldschmied wieder und fertigte die schönsten Schmuckstücke für sie an, konnte ihr Herz aber immer noch nicht erweichen. Im dritten Jahr erschien er als junger Ritter, der alle Turniere gewann, trotzdem stieß ihn Rindr beim Tanz heftig von sich. Als alte Heilerin verkleidet trat er daraufhin in ihre Dienste und heilte sie von einer Krankheit, mit der er sie selber vorher belegt hatte. So eroberte er sie, und schließlich gebar sie Vali, der am Tag nach seiner Geburt Balders Mörder erschlug, seinen Halbbruder, der auch ein Sohn Odins war.

Odin hatte nämlich die Seherin Vala von den Toten erweckt und über den Tod seines Sohnes Balder befragt, und sie hatte ihm geweissagt, nur sein mit Rindr gezeugter Sohn könne als einziger dessen Tod rächen.

Eine weitere weibliche Gestalt ist die Riesin Gunnlöd, die Mutter der Dichtkunst und die Hüterin der Kessel mit dem Skaldenmet. Wer von diesem Met trank, wurde von Inspiration ergriffen und zu einem Meister der Poesie. Natürlich wollte Odin davon trinken, aber Gunnlöds Vater verweigerte es ihm. So schlich er heimlich des Nachts zu ihr und verbrachte drei Nächte dort. Sie wollte ihm dafür drei Schlucke spendieren, er aber trank die ganzen Kessel aus. In Adlergestalt floh er daraufhin. Gunnlöd gebar später Bragi, den Gott der Dichtkunst.

Vielleicht aber hat sich Snorri, der Autor der Edda, diese Geschichte auch nur ausgedacht, um einen historisch belegten, isländischen Dichter gleichen Namens aus dem 9. Jahrhundert zu ehren.

Es gab auch noch die neun Töchter Ägirs, des Meeresherrschers, die anzusehen wie Meereswellen gemeinsam einen weiteren Sohn Odins gebaren, nämlich Heimdall. Von dem gibt es später bestimmt auch noch mehr zu erfahren.

Alles in allem ist zu sehen, dass Odin und seine Anhänger mit der Verbreitung ihres Samens nicht faul waren. Unter welchen Umständen das jeweilig genau geschah, wissen wir heute nicht mehr mit Sicherheit. Aber gemäß den gegenwärtigen Kriegs- und Eroberungspraktiken werden eine ganze Menge Vergewaltigungen dabei gewesen sein. Und das ist für mich als Frau keine lustige Vorstellung, die mir irgendwelchen Respekt abverlangt.

13.2.07

Die ersten Asinnen

Nun zu den Göttinnen, die direkt mit Wodan in Verbindung gebracht werden. Als älteste Asin wurde Jord, Jörd, Erda oder Fjörgyn bezeichnet, die Riesengöttin der Erde, die noch vor der Erschaffung der Menschen existierte. Wahrscheinlich wurde sie aber eher von den Invasoren adoptiert und unterworfen, als das Land erobert wurde. Diese älteste Göttin, deren sämtliche Namen ‚Erde’ bedeuten, wurde auf hohen Bergen verehrt, weil die Menschen glaubten, dort hätte sie sich mit dem Himmel gepaart. Sie wird als Tochter der Nachtgöttin Nott angesehen und gebar den gewaltigen Thor (Donar, Donnerer), Wodans Sohn. Als Beschützerin des Hauses und Herdes wurde sie Hlödyn oder Hludana genannt.

Die zweite Frau ist Frigg (Frigga, Fricka, Frija, Frea). Auch von ihr heißt es an einer Stelle, sie sei eine Tochter Notts, der Nacht. Andere meinen, Fjörgyn sei ihre Mutter gewesen, also die Erdgöttin Jörd. Angeblich war sie zuerst mit Teiwaz (Tiwaz, Tius, Tyr) verheiratet, dem Vorgänger Wodans. Als dieser die Oberherrschaft gewaltsam an sich riss, nahm er auch die Frau seines Vorgängers zur Frau, wahrscheinlich ebenso gewaltsam. Sie gebar Balder (Fürst), den lichten Gott, außerdem zwei weitere Söhne. So viel ich über Wodan las, so wenig wird über die Göttin berichtet. Sie hatte ihren Platz in ihrem Palast, umgeben von Dienerinnen oder Schwestern, möglicherweise Aspekten ihrer selbst. Dort gab sie Rat und Segen und empfing - auf goldenem Rocken spinnend, zuständig für das Glück der Ehe - die Bitten von Schutzsuchenden. Als Wissende wird sie bezeichnet, aber auch als Schweigende, die ihr Wissen nicht preisgab. Paul Hermann nennt sie die „Jungfrau der Sonne“, deren goldener Palast und Schmuck das Strahlen des Tagesgestirns repräsentieren. Das einzige Mal, wo sie aktiv wird, versucht sie, das Leben ihres Sohnes Balder zu schützen und verurteilt ihn damit tragischerweise zum Tode. Um ihre Wesenseinheit mit der Wanengöttin Freya herrscht bis heute keine Einigkeit unter den Mythenforschern. Die Vorstellung aber, dass aus der freien, in jeder Hinsicht selbstbestimmten Frau so ein domestiziertes Hausmütterchen wurde, geht mir jedenfalls ziemlich gegen den Strich.


In späteren Jahrhunderten machte Frigg dann mehr von sich reden. In Mecklenburg war sie noch vor wenigen Jahrhunderten als „Gode“ (weibl. Form von Wodan) bekannt, in Thüringen und Hessen als Frau Holda oder Hulda (Frau Holle), und im Süden war ihr Name Percht, Berchta oder Berta. Als Kind kannte ich Frau Holle schon aus ihrem Märchen und von dem Ausspruch, dass sie ihre Betten ausschüttelt, wenn es schneite. Gemeinsam mit Wodan führte sie in den Raunächten die wilde Jagd an, ihr Tag ist der 6. Januar. Viele Legenden ranken sich um sie, und viele Vorschriften bezüglich Haushaltsarbeiten waren während dieser Zeit zu beachten.

Als doppeltes Kuriosum sehe ich jedoch die Geschichte an, in der sie dem im Berge schlafenden Kaiser Barbarossa angeblich die Hauswirtschaft führen soll.

29.1.07

Voller Körpereinsatz

Die nordische Mythologie hat sich zwar im rauen, wilden Klima der nördlichen Gegenden entwickelt, aber müssen wir dieses deshalb ‚erhaben’ nennen? Vielleicht ist es auch einfach nur lebensbedrohlich, zumal unsere Ahnen keine Zentralheizungen kannten. Die Charaktere der Asen-Götter und -Helden sind demgemäß ebenso stürmisch und düster, aber wirklich sympathisch sind sie mir darum noch lange nicht. Ich bin eher ausgesprochen sonnenhungrig und fahre lieber im Urlaub in den Süden.

Mittlerweile kann ich die Runen schon ganz gut beim Spazierengehen aufsagen, vor allem, wenn ich sehr langsam gehe… - gaanz laangsaam im Zeit…lu…pen…tem…po.

Dann wollte ich mal den Wanen und Freya einen Besuch abstatten. Da war ich aber nicht schecht erstaunt, was gleich zu Beginn der Reise passierte.

Anderswelt: Ich erfuhr auf nonverbale Weise, dass der Zugang zu den Wanen nur über das Erleben der eigenen Sexualität, von Ekstase und Lust möglich ist. Zu ihnen kann ich nur als sexuelles Wesen gelangen und indem ich diesen Umstand rückhaltlos anerkenne. Es kam mir fast so vor, als ob ich mich zu ihnen durchvögeln müsste. Sie selber nahm ich als hohe, schmale Wesen wahr, in Weiß gekleidet mit hohen, hellen Kopfbedeckungen, ähnlich wie die schmalen, steilen Hüte der Pharaonen. Und ich hatte so gehofft, dass Freyas Halsband Brisingamen aus den Strahlen der Sonne bestünde, aber das sah ich nicht. Ich habe sie noch gefragt, warum sie keine Kinder hatte, ich weiß jedenfalls von keinen. Ich erfuhr, dass sie Mittel und Wege kannte, das zu verhindern und dass es auch überhaupt keine Bedeutung habe. Ich sah auch ihren Bruder Freyr ungefähr in der Gestalt, wie er hier abgebildet ist, nur wirkte er irgendwie jünger.


Es scheint so zu sein, dass zum Erfahren der Runen mehr gehört als ein kluger Kopf und ein williges Herz. Vielleicht verlangt es auch vollen Körpereinsatz. Und ich habe einen gehörigen Respekt vor den Wanen bekommen. Sie sind offensichtlich keine esoterischen Licht-und-Liebe Götter, denen ich ab und an mal eine Kerze anzünde...

27.1.07

Wanen und Asen

Mythologie ist immer schon eines meiner Interessensgebiete gewesen. Das fing schon früh mit Märchen, der Bibel und anderen Sagengeschichten bei mir an. Ich interessierte mich für die Griechischen und die Römischen Götter, die Sumerischen und die Ägyptischen, die Keltischen und natürlich auch für die Nordisch-Germanischen Götter und Göttinnen, deren Namen mir auch alle geläufig waren. Später verwarf ich diese Systeme wieder als zu patriarchal und interessierte mich nur noch für die Göttinnen aus aller Welt und allen Kulturen.

Bei der Beschäftigung mit den Runen ist es jedoch praktisch unmöglich, die Nordischen Götter und Göttinnen auszuklammern. Jede Rune ist auf der energetischen Ebene mit einer Gottheit verbunden. Meine Sympathien gehen dabei ganz klar in Richtung der Wanen, dem älteren der beiden Göttergeschlechter. Die Asen sind mir als Frau einfach zu kriegerisch. ‚Wanen’ bedeutet die Strahlenden, und gemeint waren wohl die Himmelslichter Sonne, Mond und Sterne, ebenso wie ein Feuergott, die angebetet wurden.

Im Runenbrieflehrgang steht ein Zitat von Tacitus: „Die Götter in Tempelwände einzuschließen oder der Menschengestalt irgend ähnlich zu bilden, dies halten sie für unverträglich mit der Größe der Himmlischen. Wälder und Haine weihen sie ihnen, und mit dem Namen der Gottheit bezeichnen sie jenes Geheimnis, das sie nur im Glauben schauen.“ Das erinnert mich an den Namen, den Teile der Amerikanischen Ureinwohner ihrem Schöpfergott geben: „Das Große Geheimnis“.

Ich könnte mir vorstellen, dass diese alten, mit Fruchtbarkeit und Fülle in Verbindung stehenden Gottheiten die Göttinnen des Alten Europa waren, einer friedlichen, neolithischen Ackerbaukultur, wie z.B. jener, von der das Fundmaterial zur Vinca-Schrift stammt.

Mit der Übernahme der Herrschaft durch die Asen wandelt sich die Vorstellung vom Göttlichen allmählich. Die Objekte der Anbetung erhalten nach und nach immer mehr individuelle Persönlichkeit und fassbare Gestalt. Aus den zuvor verehrten leuchtenden, abstrakten himmlischen Kräften werden menschenähnliche Charaktere.

In drei großen Wellen fielen die Indoeuropäer aus den kaukasischen Gegenden in Europa ein, Marija Gimbutas nennt sie nach den für sie typischen Grabhügeln ‚Kurganvölker’. Zu ihnen gehörten neben den Kelten, Hellenen, Slawen und Italikern auch die Germanen. Diese Völker brachten ein neues, personifiziertes Götterbild von kriegerischem Charakter mit sich und einen hierarchisch aufgebauten Pantheon. Das waren bei den Germanen die Asen mit ihrem Obergott, dem Sturmgott Wodan oder Wotan, nordisch Odin, an der Spitze.

Dort, wo sie eintrafen, kam es zu Kämpfen um den Reichtum des Landes. In der Edda (altisl. Urgroßmutter), der berühmten Isländischen Textsammlung, werden sie als gewaltiger, zerstörerischer Krieg zwischen den Wanen und den Asen beschrieben. Dieser konnte nur durch einen Austausch von Geiseln beendet werden. Danach gerieten die Wanen bis auf ihre bei den Asen lebenden Geiseln allmählich in Vergessenheit. Unter diesen Geiseln war auch Freya, die freie Frau, eine von mir sehr geschätzte Göttin, für mich der Inbegriff von Weiblichkeit.