26.4.07

Ragnarök

„Am 30. Mai ist der Weltuntergang, wir leben nicht mehr lang, wir leben nicht mehr lang." (Golgowsky-Quartett, 1954)

Ragnarök oder die Götterdämmerung, wie es bei Richard Wagner heißt, ist das Ende der Welt nach der Auffassung des nordischen Götterglaubens. Die Vorstellung allein jagt mir immer einen kleinen Schauder über. Ich kann es nicht wirklich gedanklich erfassen, weil es im Grunde eine bloße Angstfantasie oder eine ins allgemeine übertragene Todesfurcht ist. Ich fand bei meiner Suche aber eine Webseite von der Liste aller mit Datum angekündigten Weltuntergänge. Danach hat es allein während meiner Lebenszeit schon fast Hundert davon gegeben. Das relativiert die Geschichte wieder auf sehr angenehme Weise.

Apokalyptische Prophezeiungen existieren bereits seit der frühen Antike. Es scheint ein Thema zu sein, das die Menschen immer schon beschäftigt hat. Heutzutage ist es für manche Sekten vielleicht auch ein gutes Geschäft, für die Medien allemal. Zahlreiche Spielfilme handeln davon: Dooms Day, Armaggeddon, Deep Impact, The Core sind nur einige, die mir spontan dazu einfallen, obwohl ich solche Endzeitfilme überhaupt nicht gern schaue, weil humorlose Machohelden mir ein Gräuel sind. Eine Ausnahme bildet da „Per Anhalter durch die Galaxis“, das auch mit dem Ende der Welt beginnt.

Weltuntergänge zu fürchten scheint schon zu den Zeiten der nomadisierenden Indoeuropäer gang und gäbe gewesen zu sein, darauf lassen die Berichte von den verschiedenen Völkern dieser Kultur schließen. Denn Vulkanausbrüche, Erdbeben, Eiszeiten, Dürreperioden, das Ansteigen des Meeresspiegels und die Einschläge von Meteoriten sind reale Bedrohungen für das Überleben. Und die Erinnerung an solche Ereignisse, sofern sie überlebt wurden, wird für viele Generationen lang gespeichert. Heute gesellen sich noch der nukleare Holocaust, Killerviren und andere Menschen gemachte Vernichtungsmöglichkeiten dazu. Der Suchbegriff „Weltuntergangsstimmung“ ergab bei google fast 38.000 Seiten!

Ragnarök, das „Schicksal der Götter“, beginnt mit dem Tod Balders und der Verurteilung Lokis deswegen. Ein extrem kalter und dunkler Winter setzt ein und dauert ohne Unterbrechung drei Jahre lang an. Die Himmelswölfe verschlingen Sonne und Mond, und die Sterne fallen vom Firmament, bringen die Gebirge zum Einsturz und lösen die Fesseln aller Ungeheuer und Feinde der Götter und Menschen. Aus dem unbekannten Süden, vom Feuerreich Muspellheim her, kommen Reiter, die die Welt in Brand setzen. Unter ihrem Gewicht bricht die Regenbogenbrücke Bifröst zusammen. In der Entscheidungsschlacht wird Odin vom Fenriswolf verschlungen, Thor und die Midgardschlange bringen einander um. Freyr wird vom Feuerriesen Surt erschlagen, Tyr und der Höllenhund Garm töten sich gegenseitig, ebenso wie Heimdall und Loki. Die ganze Welt brennt. Selbst Yggdrasil, die Weltenesche, steht in Flammen. Miteinander versinkt alles im Meer.

Doch aus den Fluten erhebt sich alsdann eine neue Erde, grün und wunderbar, auf der das Korn ganz von allein wächst. Die überlebenden Asen versammeln sich auf einem Hügel, und das einzige, im Schlaf gerettete Menschenpaar, Bruder und Schwester, werden die Ahnen eines neuen Menschengeschlechts.

Allerdings habe ich bei der ganzen Sache nichts über die Göttinnen gelesen, sie werden mit keinem Wort erwähnt. Was das wohl zu bedeuten hat?


Was ich mich außerdem immer gefragt habe: ist das nun schon passiert, oder kommt das noch? Darüber gibt es zwar eine Menge Theorien, aber so richtig zufrieden stellen tut mich keine davon. Es ist und bleibt eben eine Geschichte, so wie die vielen anderen, die die Menschen sich immer schon erzählt haben. Und dass die Frauen darin unterschlagen werden, kennen wir ja zur Genüge...

20.4.07

Nochmal Freya

Mir gefällt die Theorie, dass die Wanengöttin Freya, die möglicherweise später zu Wodans Ehefrau Freja (Frigg) wurde, ursprünglich die Große Göttin des Neolithikums war. Und dass sie mit ihrer Mutter Njörd, die bei Tacitus Nerthus genannt wird, und die bei den Germanen kurzerhand in einen männlichen Gott verwandelt wurde, eine Mutter-Tochter-Zweiheit bildet, ähnlich wie Demeter und Persephone in der griechischen Mythologie. Dazu passt auch, dass Freya ursprünglich als Jungfrau gedacht war. Der Begriff Jungfrau bedeutete in früheren Zeiten nämlich nicht unbedingt eine sexuell unerfahrene Frau, sondern eine Frau, die keinem Mann angehörte und selbstbestimmt lebte. Loki hat sie dafür auch in einer Schmährede vor allen anderen Göttern verurteilt. Manche glauben, dass ihr Bruder-Geliebter Freyr ursprünglich ihr kleiner Sohn war, ein ähnliches Bild wie das der heute immer noch auf diese Weise dargestellten christlichen Madonna. Später wurde Freyr (Fro, Fricco = Herr) als ein Vegetationsgott angesehen, ein Beherrscher des Wetters, der seltsamerweise weder in Asgard noch in Wanaheim zuhause war, sondern bei den Lichtelfen wohnte.

Auf jeden Fall ist Freya eine Naturgottheit, die fruchtbare Erde selber und eine Frühlingsgöttin. Was liegt da näher, als sie auch als Liebesgöttin anzurufen, wo doch Liebe und Fruchtbarkeit einstmals eng zusammengehörten. Sie besitzt ein Falkengewand und ein Schwanenkleid, mit denen sie sich in die entsprechenden Vögel verwandeln kann, was auf schamanische Wurzeln hindeutet. Zumal sie auch des Seid kundig ist, einer Nordischen Variante der schamanischen Trance, die Odin von ihr lernt. Zur Todesgöttin wird sie, wenn sie auf dem Schlachtfeld die Hälfte aller Gefallenen für sich auswählt (nur die im Krieg getöteten Frauen?) und in die Sitzhalle Sessrumir in ihrem Palast Folkwang bringt. Ich kann da geradezu die ganzen gemütlichen Sessel, Lehnstühle, Sofas, Couchen, Diwans, Kanapees, Polsterbänke, Ottomanen, Recamieren und Chaiselongues vor mir sehen – ein schöner Tod, wenn dann auch noch Getränke gereicht werden und leise Musik gespielt wird...

Auch ein Kampfschwein namens Hildiswini gehört zu Freyas Attributen und einer ihrer Ehrennamen war "Sau". Gefahren kam sie in einem Wagen, der von Katzen gezogen wurde. Berühmt und geheimnisvoll ist auch ihr prächtiger Halsschmuck Brisingamen, den nie ein Mensch sah und der von vier Zwergen geschmiedet wurde, mit denen sie angeblich als Bezahlung jeweils eine Liebesnacht verbringen musste. Das könnte nun jemand für üble Nachrede halten, aber warum auch eigentlich nicht? Die Moralvorstellung waren zu jenen Zeiten ganz sicherlich andere, und Sex galt einstmals als heilige Handlung. Andere wiederum meinen, der Halsschmuck sei aus Bernstein gewesen, dem Gold des Nordens. Brisingamen wird auch mit den Strahlen der Sonne in Verbindung gebracht, nannten die Germanen doch die Sonne ihre Goldene Jungfrau. Ebenso hat der Halsschmuck möglicherweise mit dem Regenbogen und der Brücke Bifröst zu tun. Allerdings gibt es unzählige Darstellungen von jungsteinzeitlichen Göttinnen, die sowohl als kleine Statuetten als auch in Form von Stelen und als Steinreliefs und in Höhlen gefunden worden sind, und die alle mit einer oft dreifachen Halskette geschmückt sind.

Sowohl unser Freitag wurde nach Freya benannt, als auch leitet sich das Wort Frau von ihrem Namen ab und bedeutet ursprünglich „die Freie“.









Freya, Silberbrosche aus Schweden, 6. Jahrh.

28.3.07

Nibelungen und Langobarden

Diana Paxsons Roman über „Die Töchter der Nibelungen“ liest sich gar nicht mal so schlecht, wenn eine Fantasy mag. Die Handlung ist spannend beschrieben, und die Charaktere sind vielschichtig, so wie Menschen halt sind. Die eindeutig ‚Bösen’ und die immer ‚Guten’, so wie sie in den meisten Büchern und Filmen dargestellt werden, finde ich schnell öde, und die Handlung wird vorhersehbar. Ich mag es, wenn die Figuren beides in sich tragen, wenn sie um Entscheidungen ringen müssen, wenn sie das Gute wollen und das Böse tun und umgekehrt. Und die ganze Geschichte ist so unausweichlich und schicksalsschwer wie eine antike griechische Tragödie.

Am Ende jedes Teiles der Trilogie gibt es einige Seiten mit dem geschichtlichen Hintergrund und den wichtigsten Quellen, die die Autorin benutzt hat. Jetzt ist mir endlich klar geworden, dass Wodan, der Wanderer zwischen den Welten, ein Gott der Völkerwanderung war, ein Gott für heimatlose, entwurzelte Menschen, die generationenlang um ihre Existenz und einen Platz zum Leben kämpfen mussten. Tacitus und vor ihm schon Cäsar erwähnten zwar schon früher einen germanischen Merkur, der von späteren Mythenforschern mit Wodan identifiziert wurde (siehe hier), aber Wodans eigentlicher Name taucht erst viel später auf, nämlich in den Merseburger Zaubersprüchen. Zu der Zeit war das Christentum schon lange Staatsreligion im Römischen Reich und wenig später schrieb Mohammed den Koran.

Ein gutes Beispiel für die Annahme des Wodansglaubens sind die Langobarden, die am Ende des 4.Jahrhunderts als Winiler aus ihrem Heimatgebiet an der mittleren Elbe aufbrachen, geführt von einer Priesterfürstin namens Gambara (Stabträgerin) und ihren beiden Söhnen. Sie wanderten in einem großen ostwärtigen Bogen nach Süden, und kamen am Anfang des 6. Jahrhunderts in Norditalien an, und zwar dort, wo heute die Lombardei mit ihrem Namen immer noch an diesen Stamm erinnert.

Dazu gibt es eine kleine Geschichte, die erzählt, dass am Abend vor einer Entscheidungsschlacht gegen die Wandalen diese Wodan um den Sieg baten. Dessen Bescheid lautete, dass diejenige Kriegspartei, die am Morgen als erste auf dem Schlachtfeld auftauchen würde, den Sieg erringen sollte. Doch die Winiler baten ihrerseits die Göttin Frea um den Sieg, und diese riet ihnen, dass die Frauen ihre Haare unter dem Kinn so zusammenbinden sollten, dass sie wie lange Bärte aussahen. Und genauso sollten sie gemeinsam mit ihren Männern frühmorgens aufmarschieren. Als Wodan sie dann am nächsten Morgen so sah, schenkte er ihnen den Sieg und angeblich den neuen Namen gleich dazu. So wurden aus den Winilern die Langobarden (Langbart ist aber auch einer der vielen Namen Wodans).

22.3.07

Tyr und Idun

Der Gott Tyr/Tiwaz, Tiu, Zio/Ziu, der Dritte im Bunde der männlichen Asengötter und eigentlich der älteste von allen, ist vielleicht auch identisch mit Saxnot, dem die Sachsen bei ihrem Taufgelöbnis abschwören mussten. "Ec forsacho diabole end allum diobolgelde end allem dioboles wercumend worum. Thunor ende Woden end Saxnote ende allen then unholdo the hiro genotas sint." (Ich widersage allen Werken und Worten des Teufels. Thor, Wodan und Saxnot und allen Dämonen, die ihre Begleiter sind. Sächsischer Originaltext, 9. Jahrhundert, zitiert nach Jacob Grimm.)

Tyr ist ein indoeuropäischer Name und direkt verwandt mit dem griechischen 'Zeus', dem lateinischen 'Deus' und einem indischen Himmelsgott namens 'Dyaus Pitar'.
Ursprünglich auch ein Himmelsgott, zuständig für Recht und Gerichtsbarkeit wurde er später als Kriegsgott zum Kumpel und Blutsbruder der nordischen Götter und sogar zu Wodans Sohn degradiert. Da machen die Menschen kurzen Prozess mit ihren Göttern, grad wie es ihnen in den Kram passt. Die Römer setzten ihn mit ihrem Mars gleich, weswegen auch unser Dienstag (Tuesday, frz. Mardi) nach ihm benannt ist.

Er war der einzige, der es wagte, dem Fenriswolf seine rechte Hand als Pfand in den Rachen zu legen, während dieser an eine unzerreißbare Kette gelegt wurde. Als der Wolf den Betrug erkannte, biss er ihm die Hand ab.

Dann war da noch die Göttin Idun, die elf berühmte, goldene Äpfel verwahrte, die den Göttern ewige Jugend und Schönheit garantierten. Das erinnert auch irgendwie an die Äpfel der Hesperiden aus der griechischen Sage und an Evas Apfel, oder? Es sind anscheinend immer die Frauen, die das Monopol auf die Leben spendenden Äpfel haben.

Natürlich gibt es auch dazu eine Geschichte, in der der Tunichtgut Loki die Göttin samt ihren Äpfeln kidnappt und sie einem Riesen überlässt, um sein eigenes Leben zu retten. Doch die Asen verlangen von ihm, dass er Idun wieder zurückholt, damit sie weiterhin jung und schön bleiben können. Und so fliegt Loki im von Freya geliehenen Falkengewand, verfolgt vom Riesen in Adlergestalt und bringt Idun samt ihren Äpfeln wieder nach Asgard, wo der Adler erschlagen wird.

9.3.07

Thor oder Donar

Als ich klein war, noch bevor ich in die Schule kam, fürchtete ich mich sehr, wenn es gewitterte. Seltsamerweise hatte ich vor dem Donner mehr Angst als vor den Blitzen, egal, was meine Eltern mir darüber zu erklären versuchten. Jedes Mal, wenn es donnerte, meinte ich, den „lieben Gott“, wie ich ihn damals nannte, zu sehen, wie er schlecht gelaunt in einem Wagen mit hölzernen, eisenbeschlagenen Speichenrädern in rasendem Galopp über die Wolken polterte. So ähnlich rumpelten nämlich zu jener Zeit auch die Wagen der Bauern, die uns in jedem Herbst die Kartoffeln lieferten, über das Kopfsteinpflaster unserer Straße.

Und genau das gleiche wird in den Sagen von dem Gott Thor oder Donar, dem Donnerer berichtet. Seinen Wagen ziehen bei Gewitter zwei gewaltige Ziegenböcke über die Wolken, und mit seinem berühmten Hammer schleudert er die Blitze.

Die abenteuerlichen Geschichten, die über ihn berichtet werden, hören sich so an, als ob sie über Jahrhunderte hinweg von geltungssüchtigen Zechern bei wilden Gelagen weitererzählt worden sind. Jeder wollte dabei den anderen übertrumpfen, was die Stärke und die Heldenhaftigkeit ihres Gottes betraf. Vor allem die Story, als er mit einem Riesen beim Hochseeangeln war, liest sich wie das reinste Anglerlatein. Da fängt der Riese nämlich zwei Wale zum Abendessen, aber bei Thor muss es gleich die Midgardschlange sein, das größte Meeresungeheuer der damaligen Zeit, die er an der Angel hat.

Die Römer verglichen Thor denn auch mit ihrem Superhelden Herkules, als sie von ihm hörten. Als es jedoch darum ging, die Wochentage mit germanischen Namen zu versehen, entschieden sich die Germanen dafür, Thor mit dem römischen Obergott Jupiter gleichzusetzen. Also Donnerstag heißt es nun bei uns, so wie auf Französisch jeudi und auf Italienisch jovedi, welches beides von Jupiter herkommt.

Eigentlich ist Thor ja ein direkter Sohn der Erde selbst, der Erdgöttin Jord oder Fjorgyn (Eichengöttin), angeblich von Odin gezeugt. Sein Hammer ist nach Amstadt ursprünglich die von der Muttergottheit übernommene rituelle Doppelaxt. Von den nordischen Dichtern wurde er ansonsten etwas verächtlich ein Bauerngott genannt, im Gegensatz zu Odin, den sie mehr als ihresgleichen ansahen, und der als Forscher, Zauberer, Wissender und Visionär galt.

Die größte Ähnlichkeit mit heute bekannten Gestalten hat Donar/Thor meiner Auffassung nach mit Obelix aus den Asterix-Comics. Er ist genau so stark, genau so einfältig, rauflustig, verfressen, gutmütig, rotblond, asexuell und liebenswert wie dieser. Bloß statt des Hammers trägt Obelix immer einen Hinkelstein bei sich, den er gelegentlich aber auch erfolgreich als Wurfgeschoss einsetzt. Und Thor erinnert mich ferner an Bud Spencer in seinen frühen Filmen. Ein bärenstarker, polteriger, etwas begriffsstutziger und ziemlich sympathischer Beschützertyp auf der Seite der "Guten".

Bei Geismar, in der Nähe von Fritzlar/Hessen stand eine Rieseneiche, die Donar geweiht war. Diese fällte irgendwann im achten Jahrhundert der angelsächsische Missionar Winfried, genannt Bonifatius, dem unsere Stadt Fulda ihre Existenz verdankt und die im Gegenzug dafür seine Knochen im Dom aufbewahrt und jedem zeigt, der sie sehen will. Es ist überliefert, dass die Zuschauer bei jenem Ereignis auf ein himmlisches Strafgericht für den Frevler hofften und schwer beeindruckt waren, als dieses ausblieb.

Fast schade finde ich es mittlerweile, dass der Hügel bei unserem Dorf Wodansberg heißt und nicht Donnersberg oder so ähnlich.

6.3.07

Wyrd - ein Roman

Jetzt muss ich mal ein bisschen lästern.

In ihrem Buch über Seidr hatte Jenny Blain einen auf altenglischen Quellen basierenden Roman mit dem Titel „Wyrd – Der Weg eines Angelsächsischen Zauberers“ erwähnt, der besonders in England „einige Männer und Frauen“ beeinflusst hat, wie sie schrieb. Ich lese gern Romane, und wenn sie gut recherchiert und von Historikern geschrieben sind und ich aus ihnen geschichtliche Zusammenhänge erfahren kann, besonders gern.


Doch je länger ich las, umso bekannter kam mir die Geschichte vor. Da wird im späten 7. Jahrhundert ein junger Mönch und Schreiber in den heidnischen Süden Englands geschickt, um die Glaubensvorstellungen und Praktiken der Menschen dort für die Kirche auszuspionieren. Ein einheimischer Führer wird ihm zur Seite gestellt, der ein gewiefter Schamane ist, und ihn, wie weiland Don Juan seinen Carlos Castaneda, ordentlich an der Nase herum führt. Das Rätsel löste sich, als ich mir zwischendurch mal die Bibliografie am Ende anschaute. Brian Bates hat die Dramaturgie seiner Geschichte nämlich ziemlich genau bei Castaneda abgekupfert. Und seine Erläuterungen des Begriffs „Wyrd“ erinnern mich im Wortlaut zu sehr an das, was ich bei anderen Autoren über das Tao gelesen hatte.

Solche platten Kunstgriffe langweilen mich immer ganz fürchterlich, da finde ich den staubtrockenen Simek mit seiner wissenschaftlichen Abhandlung über die Götter und Kulte der Germanen wesentlich spannender zu lesen. Ich werde den Roman zu Ende lesen, aber nur quer.


Hoffentlich sind die „Töchter der Nibelungen“ von Diana Paxson, die ich mir auch bestellt habe, nicht ganz so banal (wie es der Titel vermuten lässt?).

Und irgendwann will ich dann auch mal wieder mit dem Runenlehrgang weitermachen und mit Thor oder Donar, dem Donnerer, der mir mittlerweile schon viel sympathischer geworden ist.

1.3.07

Tod, Frauen und die Erdgöttin

Über die Jenseitsvorstellungen und den Umgang mit dem Tod habe ich in dem Buch „Die Frau bei den Germanen“ von Jakob Amstadt etwas mehr erfahren können. Er schreibt, dass die Germanen den Menschen nicht in Leib und Seele einteilten, so wie es die Griechen schon in der Antike taten. Sie unterschieden nicht so klar zwischen Leben und Tod, wie wir heutigen Menschen. Der Tod schien ihnen nur eine Abwesenheit zu sein, von der man wiederkehren kann, so wie vielleicht der Großvater im Enkel wieder ins Leben zurückkehrt. „Für die Germanen lebte der Tote in einer anderen Dimension und zeigte dieses Dasein zu gewissen Zeiten und in bestimmten Formen seiner Existenz.“ Jetzt verstehe ich es besser, warum sie anscheinend so Todes verachtend waren.

Über die Frauen habe ich auch einiges erfahren, trotzdem wird mir ihre Stellung innerhalb der germanischen Gesellschaft nicht wirklich deutlich. Die Berichte reichen von Priesterinnen und Wahrsagerinnen, die bei den Wanderungen der Kimbern vorangingen und die Richtung bestimmten und die über den Zeitpunkt und den Ausgang von Schlachten weissagten, bis hin zu Frauen, die nach einem Ehebruch von ihren Männern ungestraft kahl geschoren, nackt durchs Dorf gepeitscht und ersäuft wurden. Die Spanne ist also breit.

Jedenfalls waren sie vom öffentlichen Leben ausgeschlossen. Sie saßen nicht mit im Thing, der Rats- und Gerichtsversammlung, und sie feierten und tranken auch nicht gemeinsam mit den Männern.

Über Frau Holle und Barbarossa im Kyffhäuser habe ich inzwischen auch etwas Neues gelesen. In Amstadts Buch wird über Funde berichtet, die belegen, dass die Höhlen im Kyffhäuser schon seit der Steinzeit der Kultplatz einer Göttin gewesen seien.


Anderswelt: Ich wollte dem Geist der Erde oder der Erdgöttin begegnen. Lange hatte ich diese Reise vor mir her geschoben, fürchtete mich etwas davor - zu Recht, wie sich herausstellen sollte. Zweimal hatte ich die Göttin schon in einer kurzen Halbtrance besucht. Beide Male machte sie mir in unmissverständlicher Weise klar, dass sie und ich wirklich eins sind.

Gestern rief ich endlich meine Verbündeten und flog mit ihnen zunächst eine Weile über den Globus dahin und dann in die Erde hinein. In einer unterirdischen Höhle legte ich mich wie ein Opfer nackt auf einen großen Steinquader. Warum ich das tat, weiß ich selber nicht, es war halt so. Die Göttin kam herbei und war ganz dunkel, schwarz-braunes langes Haar, dessen herabhängende Wellen an fruchtbare Ackerfurchen erinnerten. So hatte ich mir ungefähr die sumerische Totengöttin Ereshkigal vorgestellt. Sie hätte auch Nerthus sein können, Jörd, Hekate, Hel, die Morrigan. Ich wusste gleich, ich würde etwas hergeben müssen.

Und richtig, sie schnitt mir den Leib der Länge nach auf und entnahm daraus alles, die Eingeweide, die Knochen und den ganzen Rest. Stück für Stück warf sie das in eine Flammengrube neben dem Felsenaltar, bis nur noch meine Haut wie eine leere Hülle übrig blieb. Diese zog sie sich über und sah nun aus wie ich. Der Stein war leer, ich selber war nicht mehr da. Die Göttin begann zu tanzen, setzte ihre Füße präzise in einem unsichtbaren Muster auf und bewegte sich anmutig und gemessen durch den Raum, wobei sie sich auch um sich selber drehte. Ich erhielt die Botschaft: hör auf zu denken, dein Ich, d-ich gibt es nicht mehr, tanze!

Durch Bilder und Figuren, die sie mit ihrem Körper formte, wurde mir außerdem deutlich gemacht, dass die Pole männlich/weiblich, Konzentration/Ausdehnung, Monotheismus/Pantheismus von mir immer noch viel zu sehr in gut und schlecht eingeteilt werden. Sie zeigte mir, dass es sich damit eher wie beim Atmen verhält - ein/aus – oder wie die Ausdehnung und das wieder Zusammenziehen des ganzen Universums wie ein großer Atem. Beides gehört zusammen und ist die Bewegung des Lebens.

Ich war etwas panisch, weil ich die ganze Zeit nicht mehr vorhanden war und erwartete irgendwie, wieder zusammengesetzt zu werden. Stattdessen rief die Trommel zur Umkehr, und ich musste gehen. Beim Abschied rief mir die Göttin hinterher: „Komm wieder!“



Ich bin die Erde,
ein Stein und ein Baum.
Sterbe und werde
als wie im Traum.


23.2.07

Lebenserwartung

Jetzt versuch ich mir die ganze Zeit vorzustellen, wie das damals wohl war, als ein individuelles Menschenleben anscheinend noch nicht so viel wert war, wie wir heute meinen. Auch wenn es bei den Römern Sklaven gab, deren Wert auf Grund ihrer Bildung und ihrer Fähigkeiten in die Hunderttausende ging – in Euro umgerechnet.

Die allgemeine Lebenserwartung bei den Germanen war nicht sehr hoch, es gab viele Hungerzeiten, vor allem, nachdem das Klima sich am Ende der Bronzezeit verschlechtert hatte. Jede dritte Frau starb im Kindbett, von den Kindern selbst überlebte auch nur ein Teil. Die Männer stürzten sich Todes verachtend in die Kämpfe, die Tatsache, dass die Stämme sich gegenseitig heftig dezimierten, war bis nach Rom hin bekannt. Die gegnerischen Überlebenden wurden nach den siegreichen Kämpfen getötet und den Göttern geopfert ohne Ansehen ob Kind, Frau oder Greis. Dazu gab es das florierende Geschäft mit den Sklaven, deren Leben im Allgemeinen nur den Wert einer Ware hatte und im Bergwerk oder auf den Galeeren auch allzu schnell beendet war.

Was war ihnen das Leben wirklich wert? Welche Lebenserwartung hatten sie, mal in Bezug auf die Qualität gesehen? Möglicherweise geben darüber ihre Mythen und ihre Jenseitsvorstellungen Auskunft.

Die überlieferten Trinkgewohnheiten deuten für mich jedenfalls darauf hin, dass sie darauf angewiesen waren, sich ihr Leben schön zu saufen.

Zur Vorbeugung gegen den drohenden Germanenwahn lese ich zwischenzeitlich mal ein Buch über die Kelten in der Rhön. Das ist zwar nicht so doll geschrieben, aber mal eine nette Abwechslung zu den doch eher düsteren Germanengeschichten. Und endlich weiß ich auch, dass die Kelten vor den Germanen hier waren - und anscheinend ein heiterer Menschenschlag. Aber welche von ihnen waren nun meine Vorfahren?

20.2.07

Noch mehr Quellen

Es wird immer aufregender. Mittlerweile lese ich von Jenny Blain „Seidr“, ein Buch über eine nordische Art der Weissagung, die sehr an die schamanische Reisetechnik erinnert.

Zeitgleich lese ich ein Buch über „Die ersten Deutschen“ von S. Fischer-Fabian, spannend wie ein Krimi! Der Buchtitel ist zwar nicht ganz korrekt, denn Deutsche waren es damals sicher nicht. Wenn es auch einen Stamm mit dem Namen „Teutonen“ gab, der aber schon rund hundert Jahre vor der Zeitenwende ausgelöscht wurde. Die einzelnen Kapitelüberschriften sind auch nicht anders als reißerisch wie Bild-Zeitungs-Schlagzeilen zu nennen. Aber in dem Buch steht z.B. drin, dass die Runen möglicherweise aus dem etruskischen Alphabet abgeleitet worden sind, welches die Kimbern und Teutonen bei einer ihrer Begegnungen mit den Römern kennen gelernt und in ihre Jütländische Heimat gebracht haben. Ich habe auch begriffen, dass die nordische und die germanische Mythologie zwei Paar Schuh sind. Ja, es gibt nicht einmal eine einheitliche germanische Mythologie. Mythologien sind so lebendig und veränderlich wie die Sprache oder die menschliche Kultur überhaupt.

So wie die Germanen in dem Buch beschrieben werden, haben sie mich sehr an die Ureinwohner von Nordamerika erinnert. Sie waren stolz, aufbrausend und tapfer, immer bereit, die eigene Ehre oder was sie darunter verstanden, mit Fäusten oder Waffen zu verteidigen. Sie lebten in Stämmen, die untereinander zerstritten und in andauernde kriegerische Auseinandersetzungen verwickelt waren und zeigten im Kampf eine wilde Grausamkeit (im Gegensatz zu der kalkulierten Grausamkeit der Römer). Z.B. machten sie oft keine Gefangenen, sondern opferten alle Gegner samt der Beute ihren Göttern, hängten sie in Bäumen auf, schlachteten sie auf Altären und in Gruben. Sie hatten einen unbändigen Freiheitswillen und wählten Anführer nur im Kriegsfall, und die Frauen trugen das Haar in der Mitte gescheitelt in zwei geflochtenen Zöpfen – angeblich erfanden die Germanen sogar die Haarbürste. Später trugen die Germaninnen aber auch noch andere Frisuren.

Sie hielten sich auch Sklaven, vor allem slawische, gallische und römische, die letzteren brachten u.U. gute Lösegelder ein. Die Kriegsgefangenen aus den Nachbarstämmen verhökerten sie bei den Sklavenhändlern, die teilweise zu ihnen kamen, aber auch in jeder römischen Garnison zu finden waren, denn germanische Sklaven standen in Rom hoch im Kurs. Genauso machten es vor ein paar Hundert Jahren noch die Afrikaner miteinander.

Und ich habe Arminius-Superheld mal ein bisschen näher kennen gelernt. Offensichtlich haben wir es den Fähigkeiten und Absichten dieses Cheruskers, der nicht Hermann hieß, zu verdanken, dass wir heute in Deutschland keine romanische Sprache sprechen, obwohl manche meinen, die Cherusker seien eher Kelten als Germanen gewesen. Aber vielleicht hätten wir uns im anderen Falle die Erbfeindschaft mit Frankreich, die Nazis und die zwei Weltkriege sparen können, wer weiß?

Habe schon wieder ein neues Buch bestellt – Rudolf Simeks „Götter und Kulte der Germanen“, und aktuell überlege ich, mir auch Tacitus „Germania“ zuzulegen. Ich komme gar nicht mehr dazu, im Runenlehrgang weiterzulesen, weil ich auch noch möglichst viel über die germanischen Frauen erfahren will. Ich befürchte langsam, ich gerate momentan in einen Germanenwahn.

18.2.07

Prinzessin, Riesin, Meereswellen

Und dann gibt es noch eine nette Geschichte, die fast wie ein Märchen anmutet, von einer russischen Prinzessin namens Rindr (Rind, Rinda), die „weiß wie die Sonne“ war (eine Sonnengöttin?). Odin reiste als Krieger verkleidet an ihren Hof, um sie für sich zu gewinnen. Er vollbrachte viele Heldentaten, aber sie wies ihn ab. Im nächsten Jahr kam er als kunstfertiger, reicher Goldschmied wieder und fertigte die schönsten Schmuckstücke für sie an, konnte ihr Herz aber immer noch nicht erweichen. Im dritten Jahr erschien er als junger Ritter, der alle Turniere gewann, trotzdem stieß ihn Rindr beim Tanz heftig von sich. Als alte Heilerin verkleidet trat er daraufhin in ihre Dienste und heilte sie von einer Krankheit, mit der er sie selber vorher belegt hatte. So eroberte er sie, und schließlich gebar sie Vali, der am Tag nach seiner Geburt Balders Mörder erschlug, seinen Halbbruder, der auch ein Sohn Odins war.

Odin hatte nämlich die Seherin Vala von den Toten erweckt und über den Tod seines Sohnes Balder befragt, und sie hatte ihm geweissagt, nur sein mit Rindr gezeugter Sohn könne als einziger dessen Tod rächen.

Eine weitere weibliche Gestalt ist die Riesin Gunnlöd, die Mutter der Dichtkunst und die Hüterin der Kessel mit dem Skaldenmet. Wer von diesem Met trank, wurde von Inspiration ergriffen und zu einem Meister der Poesie. Natürlich wollte Odin davon trinken, aber Gunnlöds Vater verweigerte es ihm. So schlich er heimlich des Nachts zu ihr und verbrachte drei Nächte dort. Sie wollte ihm dafür drei Schlucke spendieren, er aber trank die ganzen Kessel aus. In Adlergestalt floh er daraufhin. Gunnlöd gebar später Bragi, den Gott der Dichtkunst.

Vielleicht aber hat sich Snorri, der Autor der Edda, diese Geschichte auch nur ausgedacht, um einen historisch belegten, isländischen Dichter gleichen Namens aus dem 9. Jahrhundert zu ehren.

Es gab auch noch die neun Töchter Ägirs, des Meeresherrschers, die anzusehen wie Meereswellen gemeinsam einen weiteren Sohn Odins gebaren, nämlich Heimdall. Von dem gibt es später bestimmt auch noch mehr zu erfahren.

Alles in allem ist zu sehen, dass Odin und seine Anhänger mit der Verbreitung ihres Samens nicht faul waren. Unter welchen Umständen das jeweilig genau geschah, wissen wir heute nicht mehr mit Sicherheit. Aber gemäß den gegenwärtigen Kriegs- und Eroberungspraktiken werden eine ganze Menge Vergewaltigungen dabei gewesen sein. Und das ist für mich als Frau keine lustige Vorstellung, die mir irgendwelchen Respekt abverlangt.

13.2.07

Die ersten Asinnen

Nun zu den Göttinnen, die direkt mit Wodan in Verbindung gebracht werden. Als älteste Asin wurde Jord, Jörd, Erda oder Fjörgyn bezeichnet, die Riesengöttin der Erde, die noch vor der Erschaffung der Menschen existierte. Wahrscheinlich wurde sie aber eher von den Invasoren adoptiert und unterworfen, als das Land erobert wurde. Diese älteste Göttin, deren sämtliche Namen ‚Erde’ bedeuten, wurde auf hohen Bergen verehrt, weil die Menschen glaubten, dort hätte sie sich mit dem Himmel gepaart. Sie wird als Tochter der Nachtgöttin Nott angesehen und gebar den gewaltigen Thor (Donar, Donnerer), Wodans Sohn. Als Beschützerin des Hauses und Herdes wurde sie Hlödyn oder Hludana genannt.

Die zweite Frau ist Frigg (Frigga, Fricka, Frija, Frea). Auch von ihr heißt es an einer Stelle, sie sei eine Tochter Notts, der Nacht. Andere meinen, Fjörgyn sei ihre Mutter gewesen, also die Erdgöttin Jörd. Angeblich war sie zuerst mit Teiwaz (Tiwaz, Tius, Tyr) verheiratet, dem Vorgänger Wodans. Als dieser die Oberherrschaft gewaltsam an sich riss, nahm er auch die Frau seines Vorgängers zur Frau, wahrscheinlich ebenso gewaltsam. Sie gebar Balder (Fürst), den lichten Gott, außerdem zwei weitere Söhne. So viel ich über Wodan las, so wenig wird über die Göttin berichtet. Sie hatte ihren Platz in ihrem Palast, umgeben von Dienerinnen oder Schwestern, möglicherweise Aspekten ihrer selbst. Dort gab sie Rat und Segen und empfing - auf goldenem Rocken spinnend, zuständig für das Glück der Ehe - die Bitten von Schutzsuchenden. Als Wissende wird sie bezeichnet, aber auch als Schweigende, die ihr Wissen nicht preisgab. Paul Hermann nennt sie die „Jungfrau der Sonne“, deren goldener Palast und Schmuck das Strahlen des Tagesgestirns repräsentieren. Das einzige Mal, wo sie aktiv wird, versucht sie, das Leben ihres Sohnes Balder zu schützen und verurteilt ihn damit tragischerweise zum Tode. Um ihre Wesenseinheit mit der Wanengöttin Freya herrscht bis heute keine Einigkeit unter den Mythenforschern. Die Vorstellung aber, dass aus der freien, in jeder Hinsicht selbstbestimmten Frau so ein domestiziertes Hausmütterchen wurde, geht mir jedenfalls ziemlich gegen den Strich.


In späteren Jahrhunderten machte Frigg dann mehr von sich reden. In Mecklenburg war sie noch vor wenigen Jahrhunderten als „Gode“ (weibl. Form von Wodan) bekannt, in Thüringen und Hessen als Frau Holda oder Hulda (Frau Holle), und im Süden war ihr Name Percht, Berchta oder Berta. Als Kind kannte ich Frau Holle schon aus ihrem Märchen und von dem Ausspruch, dass sie ihre Betten ausschüttelt, wenn es schneite. Gemeinsam mit Wodan führte sie in den Raunächten die wilde Jagd an, ihr Tag ist der 6. Januar. Viele Legenden ranken sich um sie, und viele Vorschriften bezüglich Haushaltsarbeiten waren während dieser Zeit zu beachten.

Als doppeltes Kuriosum sehe ich jedoch die Geschichte an, in der sie dem im Berge schlafenden Kaiser Barbarossa angeblich die Hauswirtschaft führen soll.

11.2.07

Quellen und Erben

Mittlerweile habe ich zusätzlich zu dem Text des Runenbrieflehrgangs die alten Bücher hervorgekramt, bzw. das, was ich davon noch nicht wieder verkauft hatte, weil die Sache zieht mich immer mehr in ihren Bann. Leider gehört „Helrunar“ von Jan Fries zu denen, die ich weitergegeben habe.

Am meisten lese ich in „Der Brunnen der Erinnerung“ von Ralph Metzner, und für die Göttinnen der nordischen Mythologie habe ich mein „Lexikon der Göttinnen“ von Patricia Monaghan noch einmal hervorgeholt. Nachgelesen habe ich auch immer mal wieder bei Tor Age Bringsvaerd, der die nordische Mythologie in einem temperamentvollen und angeblich gut recherchierten Roman namens „Die wilden Götter“ verarbeitet hat, und in Freya Aswynns „Die Blätter von Yggdrasil“. Dann habe ich vor einigen Monaten mal die Lizenzausgabe eines altertümlichen Werkes von 1898 günstig bei Weltbild erstanden: „Deutsche Mythologie“ von Paul Hermann, worin es gewaltig tümelt und wild spekuliert wird. Weitere Bücher liegen noch ungeöffnet herum, und Webseiten habe ich auch schon entdeckt.


Je tiefer ich mich auf diesen Wodan-Mythos einlasse, umso mehr bekomme ich den Eindruck, dass ich wirklich eine Nachfahrin derjenigen Leute bin, die diesen Gott als ihren obersten ansahen. Und ich meine auch zu erkennen, dass die gelebten Werte unserer modernen Gesellschaft immer noch von jenen Überzeugungen beeinflusst sind. Als erstes fiel mir dazu ‚Forschung um jeden Preis’ ein, Genmanipulation, Stammzellenforschung, militärische Forschung, um nur einiges zu nennen. Die christlichen Vorstellungen liegen nur wie eine dünne Tünche darüber und sind mehr im Bereich des Über-Ichs, bei Gewissensbelangen und Fragen der Ethik anzusiedeln.

7.2.07

Odin/Wodan

O je, jetzt muss ich Farbe bekennen: ich mag keine männlichen Eingötter! Ich bin der festen Überzeugung, dass so lange Männer die Welt beherrschen, es keinen Frieden geben kann. So etwas wird wohl in manchen Kreisen ein Autoritätsproblem genannt, glaube ich.

Jetzt kommen nämlich Odin/Wodan und später auch noch sein Sohn Thor, der alte Haudrauf, im Lerntext dran. Ich werde nicht um sie herum kommen, wie es scheint. Zumal es in der Nähe unseres Dorfes einen Hügel mit dem Namen „Wadberg“ gibt. Wodans Berg ist sozusagen unser Hausberg.


Anderswelt: Dort oben habe ich mal den Berggeist gerufen und war gespannt, ob es Wodan sein würde, der sich zeigt. Es tauchte auch eine männliche Geistergestalt auf, die mich aber eher an Rübezahl erinnerte, ich weiß auch nicht genau wieso. Er war ziemlich groß und grobschlächtig, aber relativ wohlwollend, und ich fühlte mich von ihm gutmütig und etwas abschätzig belächelt. Ich werde ihn bestimmt noch mal besuchen gehen.


Ich bin erstaunt zu erfahren, wie viele verschiedene Charaktere Odins/Wodans beschrieben werden.

  • Der Allvater: an der Spitze der zwölf Asen (der Olymp lässt grüßen), mit Goldhelm und Speer in seiner goldenen Halle ernährt er sich ausschließlich von Rotwein. Seine beiden Raben Hugin (Erkenntnis) und Munin (Erinnerung) sitzen neben seinem Haupt und flüstern ihm die Geheimnisse der verschiedenen Welten ins Ohr.
  • Der Weltenschöpfer: er erschafft die Welt aus dem Körper Ymirs (bevor etwas neu geschaffen wird, muss erstmal ein Vorfahre ermordet werden!) und die Menschen aus zwei Hölzern.
  • Der Sturmgott: auf seinem achtbeinigen Schimmel Sleipnir, mit Schlapphut und weitem, blauen Mantel reitet er an Mittwinter als „Wilder Jäger“ an der Spitze eines auf den Sturmwinden daher brausenden, wütenden Heeres, der „Wilden Jagd“.
  • Der Himmelsgott: ein milder, segnender, Fruchtbarkeit spendender Wettergott
  • Der Wintergott: das Winterwetter machend
  • Der schlafende Gott: im Zauberschlaf träumend wie Barbarossa, Merlin und König Artus.
  • Der Kriegsgott: mit seinen Raben und den Walküren wurden ihm auch Menschen geopfert.
  • Der gütige Gott: zusammen mit seiner Frau rettet und unterrichtet er zwei gestrandete Königssöhne.
  • Der Totengott: das nächtliche Heer besteht aus den Seelen Verstorbener, die Odin/Wodan im Inneren der Berge, seinem unterirdischen Reich, sammelt.
  • Der Schamane und wissende Gott: er opfert ein Auge für den Trunk aus dem Brunnen der Erkenntnis. Angeblich erfand er sogar die Runen, die ihm Macht und Wissen verliehen, indem er sich einer neuntägigen Initiation, am Baum hängend, unterzog. (Es ist ja immerhin auch möglich, dass er sie für einen guten Batzen irgendeines gängigen Tauschmittels einem fahrenden Händler abhandelte, denn andere Völker benutzten Schriftzeichen bereits seit Jahrhunderten. Clever war es in jedem Falle.) Mit einem der weisesten Riesen lässt er sich auf einen Wissenswettstreit ein, den er durch einem Trick gewinnt. - Er verwandelt sich auch in Vögel oder andere wilde Tiere, Fische oder Drachen und reist in weit entfernte Gegenden, während sein Körper aussieht, als schliefe er oder sei tot. Er lernt, mit den Toten zu kommunizieren und verwendet den abgeschlagenen Kopf des Riesen Mimir zur Weissagung.
  • Der merkurische Gott: die Römer setzten Odin/Wodan mit ihrem Götterboten Merkur gleich. Der Erwecker des Verstandes, der Wissen und wahres Verstehen schenken, aber außer Kontrolle geraten auch in den Wahnsinn treiben kann.

Es sind mehr als einhundert Namen dieses Gottes überliefert, die uns Aufschluss über sein Wesen und Treiben geben können. Den Namen der Schrecken haben wir schon im Zusammenhang mit Yggdrasil kennen gelernt. Weiter wurde er der Veränderliche, der Wachsame, der Hängende, der Maskierte, der Zwiefältige, der Wahrheitsfinder, der Verborgene, Jägerhansl, Hackelberend, Helljäger und Schimmelreiter genannt.

Odin/Wodan war zunächst der Gott der aristokratischen Kriegerkasten, der Stammesfürsten und deren Gefolge. Beim einfachen Landvolk war Odin damals nicht sehr beliebt, diese Menschen fühlten sich den alten Vegetationsgottheiten der Wanen näher verbunden. Das hat sich im Zuge der Christianisierung bestimmt geändert. Da waren es dann die einfachen Leute, die ihm am längsten die Treue hielten, und dafür in späteren Jahrhunderten nicht selten vor der Inquisition landeten.

Im Vorwort zur Prosa-Edda wird erwähnt, Odin/Wodan und die ihn begleitenden Asen seien Menschen gewesen, die ursprünglich aus Asien kamen, und deren König er war. Christlicher Kunstgriff oder Tatsache? Das wird heute niemand mehr herausfinden können, ist aber ein Gedanke, der mir gefällt. Denn es waren in jedem Fall Menschen, die diese Gottesvorstellung auf ihren Eroberungszügen mit sich brachten.

Ich selber habe zumindest begriffen, dass es sich bei diesem Gott um ein Prinzip handelt, dass ich in einer Ultrakurzform als Erkenntnisdrang und Durchsetzungswillen bezeichnen möchte. Zwei Eigenschaften, die mir auch nicht ganz fremd sind, denn immerhin bin ich zurzeit ja auch auf Erkenntnissuche, in Bezug auf die Runen nämlich. Also Odin/Wodan, der Einäugige unter den Blinden, existiert. Ich muss ihn wohl anerkennen, aber verehren und feiern muss ich ihn deswegen noch lange nicht, oder?
Wer weiß?

3.2.07

Yggdrasil

Und jetzt kommt Yggdrasil ins Spiel, der Weltenbaum, dem Namen nach ‚Träger des Schreckens’, Odins Reittier. Dieser Baum hat schon immer meine Phantasie beflügelt, ganz egal, ob es nun eine Esche, eine Eibe oder eine Eberesche ist. Ein Baum so groß wie die Welt, was für eine Idee…

Anderswelt: Diesen Baum kenne ich aus meinen Visionen. In den unterirdischen Teichen habe ich schon gebadet, bin an seinem Stamm hinauf und herab geflogen und konnte die verschiedenen Ebenen besuchen, die sich daran gliedern. Ich habe Wesen dort getroffen - waren es vielleicht sogar Ahnen oder Götter?

Einmal traf ich eine alte Frau, die am Boden hockte und zwischen ihren Händen kleine Kugeln drehte. Das Material dafür nahm sie von einem ungeformten Kloß, der neben ihr auf dem Boden lag. Sie sagte, dass diese Kugeln für mich seien, es wären „Lustkugeln“. Für jede dieser Kugeln dürfe ich einmal Lust empfinden, und wenn sie verbraucht wären, könnte ich mir neue holen.

Sie tat mir eine ganze Menge davon in einen Beutel und hängte mir den um den Hals. Ich bedankte mich und ging weiter. Als nächstes traf ich einen alten Mann. Struppiges, strohgelbes Haar wuchs ihm aus Nase und Ohren, und einen riesigen, borstigen, gelben Schnurrbart hatte er auch. Mit einem Spaten grub er in der Erde, und ich gab ihm eine meiner Kugeln, die er nahm und in die aufgebrochene Erde legte.

Daraufhin konnten wir beide dabei zusehen, wie ein Schößling daraus hervor wuchs. Er entwickelte sich zu einem kleinen Apfelbaum, und Früchte waren auch schon daran. Der alte Mann pflückte einen reifen, rot-gelben Apfel für mich, und ich biss voller Lust hinein. Der Apfel war süß und saftig und füllte mit seiner Frische und seinem Aroma meinen Mund aufs Köstlichste. Ich spürte auch, wie neue Energie durch meinen ganzen Körper strömte von diesem einen Bissen ausgehend. Ich dankte dem alten Mann dafür und ging noch weiter.

Dann traf ich ein Kind mit goldblonden Löckchen in einem kurzen, weißen Hemdchen. Es tanzte auf nackten Füßen ganz leicht einher, wir fassten uns bei den Händen und tanzten gemeinsam weiter. Immer schneller und wilder ging es im Kreis herum, in dessen Mitte dabei ein Wirbel aus luftiger Energie entstand.

Die drei Ebenen, in die manche Autoren die verschiedenen Welten des Baumes einteilen, erinnern mich an die drei Welten des Schamanismus, die Obere Welt mit Asgard und Lichtalbenheim, die Mittlere Welt, bestehend aus Midgard und in den vier Himmelsichtungen Jötunheim, Muspellheim, Vanaheim und Niflheim und die Untere Welt mit Schwarzalbenheim und Hels Reich.

In einigen Nacherzählungen bauen die Asen Midgard, die Welt der Menschen, aus den Augenbrauen des Urriesen Ymir. Dort mitten hinein, auf einen Berggipfel stellen sie Asgard, ihre eigene Wohnstätte, und in die Mitte Asgards pflanzen sie die immergrüne Yggdrasil, welche die gesamte Erde überschattet. Auf manchen Bildern sieht es so aus, als ob alle neun Welten in den Zweigen Yggdrasils aufgehängt sind, ähnlich angeordnet wie die Stationen der Kabbala, bloß anstatt Zehn Welten sind es nur Neun.


Und dann die Tiere, die im Baum leben! Oben sitzt der Adler, und unten nagt der Drache an den Wurzeln, und zwischen ihnen flitzt das Eichhörnchen, welches die Beschimpfungen der beiden gegeneinander hin und her trägt. Zwei schöne Schwäne ziehen schweigend auf dem Wasserspiegel des Urd-Brunnens ihre Kreise, fünf Hirsche äsen an den Blättern und Knospen des Baumes, und die Met spendende Ziege Heidrun knabbert in Asgard am Wipfel von Yggdrasil. Heidrun nun wiederum erinnert mich an die Ziege, von der Zeus, der griechische Allvater, großgezogen wurde.

Am heiligen Urdbrunnen der Weisheit sitzen die drei ernsten Nornen Urd (Vergangenheit), Skuld (Zukunft) und Werdandi (Gegenwart) und spinnen, weben und schneiden die Fäden des Lebens. Sie erinnern auch sehr an die Göttinnentriaden des antiken Griechenlands.

31.1.07

Schöpfungsmythen

Es geht sich immer flotter und flotter beim Runen-Aufsagen…

Beim draußen Herumlaufen habe ich mir auch noch mal so meine Gedanken über die Wanen und die Asen gemacht. Wenn es bei den Wanen um Sex geht – im weitesten Sinne und auch ganz direkt möglicherweise - so ist das Thema bei den Asen die Gewalt, so weit ich es bis jetzt sehe. Also Sex und Gewalt, die zwei großen problematischen Themen in unserer heutigen Gesellschaft, an denen sich die Gemüter erregen und die Geister scheiden.



Einst war das Alter, da alles nicht war
Nicht Sand noch See noch salzige Wellen
Nicht Erde fand sich noch Überhimmel
Gähnender Abgrund und Gras nirgends
(Jüngere Edda, 4)

Den nordischen Weltschöpfungsmythos finde ich immer noch furchtbar konfus, obwohl ich ihn schon so oft gelesen habe. Dagegen ist die biblische Schöpfungsgeschichte schnell erzählt, was vielleicht auch einen Teil ihrer Popularität ausmacht. Selbst die griechischen Göttersagen sind dagegen logisch nachvollziehbar, da folgt einfach eine Generation auf die andere über einige Vatermorde und –Verstümmelungen bis hin zum Obergott Zeus.

In der nordischen Geschichte entstehen Riesen, Götter und Menschen anscheinend parallel und völlig durcheinander. Es scheint, als hätten viele verschiedene Generationen mit unterschiedlichen Interessensschwerpunkten an diesen Erzählungen mitgewirkt, ohne sich um eine schlüssige Gesamtlogik zu kümmern. Also allein, wenn ich die Entstehung der Menschen betrachte: da leckt erst die Urkuh Audumbla einen schönen Mann namens Buri aus dem Eis. Ist dieser nun ein Riese, ein Gott oder ein Mensch? Mann würde ich noch am ehesten mit Mensch assoziieren. Dieser ist später der Großvater von Odin und seinen Brüdern, seine Schwiegertochter ist eine Riesin, sodass die Asen zu gleichen Teilen von Menschen und von Riesen abstammen.

Während die Asen dann später aus dem Leib des getöteten Urriesen Ymir, also ihres Vorfahren sozusagen, die Welt erschaffen, taucht plötzlich ein Erdensohn (Mensch?) namens Mundilföri auf, dessen Kinder, Sol und Mani, die Asen rauben und zu Sonne und Mond machen. Mani wiederum hat zwei geraubte (Menschen?)–Kinder bei sich, Bil und Hjuki, die sein Zu- und Abnehmen darstellen sollen.

Und dann erst finden die Asen an einem Strand zwei Bäume oder Treibhölzer und machen aus diesen die ersten (?) Menschen, Ask und Embla. Mir scheint, da sollten mit Gewalt verschiedene Mythen mehr schlecht als recht zu einem zusammen geschmolzen werden.

Ja gut, bei der biblischen Genesis habe ich mich auch als Kind schon gefragt, mit wem sich denn Kain nun eigentlich zusammen getan hat, nachdem er seinen Bruder Abel erschlagen hatte, wenn seine Eltern Adam und Eva doch angeblich die ersten Menschen gewesen waren…

29.1.07

Voller Körpereinsatz

Die nordische Mythologie hat sich zwar im rauen, wilden Klima der nördlichen Gegenden entwickelt, aber müssen wir dieses deshalb ‚erhaben’ nennen? Vielleicht ist es auch einfach nur lebensbedrohlich, zumal unsere Ahnen keine Zentralheizungen kannten. Die Charaktere der Asen-Götter und -Helden sind demgemäß ebenso stürmisch und düster, aber wirklich sympathisch sind sie mir darum noch lange nicht. Ich bin eher ausgesprochen sonnenhungrig und fahre lieber im Urlaub in den Süden.

Mittlerweile kann ich die Runen schon ganz gut beim Spazierengehen aufsagen, vor allem, wenn ich sehr langsam gehe… - gaanz laangsaam im Zeit…lu…pen…tem…po.

Dann wollte ich mal den Wanen und Freya einen Besuch abstatten. Da war ich aber nicht schecht erstaunt, was gleich zu Beginn der Reise passierte.

Anderswelt: Ich erfuhr auf nonverbale Weise, dass der Zugang zu den Wanen nur über das Erleben der eigenen Sexualität, von Ekstase und Lust möglich ist. Zu ihnen kann ich nur als sexuelles Wesen gelangen und indem ich diesen Umstand rückhaltlos anerkenne. Es kam mir fast so vor, als ob ich mich zu ihnen durchvögeln müsste. Sie selber nahm ich als hohe, schmale Wesen wahr, in Weiß gekleidet mit hohen, hellen Kopfbedeckungen, ähnlich wie die schmalen, steilen Hüte der Pharaonen. Und ich hatte so gehofft, dass Freyas Halsband Brisingamen aus den Strahlen der Sonne bestünde, aber das sah ich nicht. Ich habe sie noch gefragt, warum sie keine Kinder hatte, ich weiß jedenfalls von keinen. Ich erfuhr, dass sie Mittel und Wege kannte, das zu verhindern und dass es auch überhaupt keine Bedeutung habe. Ich sah auch ihren Bruder Freyr ungefähr in der Gestalt, wie er hier abgebildet ist, nur wirkte er irgendwie jünger.


Es scheint so zu sein, dass zum Erfahren der Runen mehr gehört als ein kluger Kopf und ein williges Herz. Vielleicht verlangt es auch vollen Körpereinsatz. Und ich habe einen gehörigen Respekt vor den Wanen bekommen. Sie sind offensichtlich keine esoterischen Licht-und-Liebe Götter, denen ich ab und an mal eine Kerze anzünde...

27.1.07

Wanen und Asen

Mythologie ist immer schon eines meiner Interessensgebiete gewesen. Das fing schon früh mit Märchen, der Bibel und anderen Sagengeschichten bei mir an. Ich interessierte mich für die Griechischen und die Römischen Götter, die Sumerischen und die Ägyptischen, die Keltischen und natürlich auch für die Nordisch-Germanischen Götter und Göttinnen, deren Namen mir auch alle geläufig waren. Später verwarf ich diese Systeme wieder als zu patriarchal und interessierte mich nur noch für die Göttinnen aus aller Welt und allen Kulturen.

Bei der Beschäftigung mit den Runen ist es jedoch praktisch unmöglich, die Nordischen Götter und Göttinnen auszuklammern. Jede Rune ist auf der energetischen Ebene mit einer Gottheit verbunden. Meine Sympathien gehen dabei ganz klar in Richtung der Wanen, dem älteren der beiden Göttergeschlechter. Die Asen sind mir als Frau einfach zu kriegerisch. ‚Wanen’ bedeutet die Strahlenden, und gemeint waren wohl die Himmelslichter Sonne, Mond und Sterne, ebenso wie ein Feuergott, die angebetet wurden.

Im Runenbrieflehrgang steht ein Zitat von Tacitus: „Die Götter in Tempelwände einzuschließen oder der Menschengestalt irgend ähnlich zu bilden, dies halten sie für unverträglich mit der Größe der Himmlischen. Wälder und Haine weihen sie ihnen, und mit dem Namen der Gottheit bezeichnen sie jenes Geheimnis, das sie nur im Glauben schauen.“ Das erinnert mich an den Namen, den Teile der Amerikanischen Ureinwohner ihrem Schöpfergott geben: „Das Große Geheimnis“.

Ich könnte mir vorstellen, dass diese alten, mit Fruchtbarkeit und Fülle in Verbindung stehenden Gottheiten die Göttinnen des Alten Europa waren, einer friedlichen, neolithischen Ackerbaukultur, wie z.B. jener, von der das Fundmaterial zur Vinca-Schrift stammt.

Mit der Übernahme der Herrschaft durch die Asen wandelt sich die Vorstellung vom Göttlichen allmählich. Die Objekte der Anbetung erhalten nach und nach immer mehr individuelle Persönlichkeit und fassbare Gestalt. Aus den zuvor verehrten leuchtenden, abstrakten himmlischen Kräften werden menschenähnliche Charaktere.

In drei großen Wellen fielen die Indoeuropäer aus den kaukasischen Gegenden in Europa ein, Marija Gimbutas nennt sie nach den für sie typischen Grabhügeln ‚Kurganvölker’. Zu ihnen gehörten neben den Kelten, Hellenen, Slawen und Italikern auch die Germanen. Diese Völker brachten ein neues, personifiziertes Götterbild von kriegerischem Charakter mit sich und einen hierarchisch aufgebauten Pantheon. Das waren bei den Germanen die Asen mit ihrem Obergott, dem Sturmgott Wodan oder Wotan, nordisch Odin, an der Spitze.

Dort, wo sie eintrafen, kam es zu Kämpfen um den Reichtum des Landes. In der Edda (altisl. Urgroßmutter), der berühmten Isländischen Textsammlung, werden sie als gewaltiger, zerstörerischer Krieg zwischen den Wanen und den Asen beschrieben. Dieser konnte nur durch einen Austausch von Geiseln beendet werden. Danach gerieten die Wanen bis auf ihre bei den Asen lebenden Geiseln allmählich in Vergessenheit. Unter diesen Geiseln war auch Freya, die freie Frau, eine von mir sehr geschätzte Göttin, für mich der Inbegriff von Weiblichkeit.

26.1.07

Vinca-Schrift

Anderswelt: Ich ging in den Runenkreis und platzierte auf jeder dieser vierundzwanzig Steinplatten in der Reihenfolge des Älteren Futhark eine Rune mit ein paar Gedanken an die Themen der jeweiligen Zeichen.
Als ich nicht einschlafen konnte, überlegte ich mir, welche Rune wohl hilfreich dafür sein könne. Mir fiel Inguz ein, deren eine Bedeutung ‚Schutzkreis’ ist. Igor schreibt dazu: „Sie wirkt beschützend und wenn sie zum Wirken kommt, herrscht um einen wohltuende Ruhe. Man kann sie einsetzen, um Abstand vom ‚Lärm der Welt’ zu bekommen.“ Ich bin durch das auf einer Spitze stehende Quadrat, das diese Rune darstellt, hindurchgeklettert, um zu schauen, wie es dahinter aussah. Doch da war nichts, buchstäblich nichts zu sehen. Aber ich habe gut geschlafen, seit langem mal wieder ohne Unterbrechung. Und auch noch am Morgen war ich von einer ganz ungewohnten Gelassenheit.


Die Entstehung der Runen liegt im Dunklen. Heute kennen wir drei unterschiedliche Runenalphabete. Das Ältere Futhark, mit dem ich mich hier beschäftige, besteht aus 24 Zeichen und findet sich laut dem Lehrbrief zwischen 200 und 500 n.u.Z. im allgemeinen Gebrauch, Spuren lassen sich auch noch bis ins Mittelalter nachweisen. Um 700 taucht ein verändertes System auf mit nur 16 Runen, das Jüngere Futhark, welches nach rund hundert Jahren schon wieder verschwindet. Und dann gibt es noch das Angelsächsische Futhark mit 33 Zeichen, welches die Christianisierung bis ins 10. Jahrhundert überdauerte.

Auf eine Theorie zur Geschichte der Runen kam ich zum ersten Mal in dem Buch der Archäologin Marija Gimbutas ‚Die Zivilisation der Göttin’. Da fand ich Abbildungen der Vinca Schrift – sie nennt sie alt-europäisch – die als Felsritzungen und auf Statuetten und Keramik aus dem 6. bis ins 3. Jahrtausend v.u.Z. im Südosten Europas entlang des Donaubeckens gefunden worden sind. Im vorletzten Jahr wurde sogar der erste Satz aus dieser Schrift von einem amerikanischen Professor der Linguistik übersetzt. Er lautet «Bärgöttin und Vogelgöttin sind wirklich die Bärgöttin.» Aufgeschrieben wurde er vor rund 7000 Jahren.



25.1.07

Der Anfang

Anderswelt: Am Abend ging ich die Runen treffen. Ich war auf einer Lichtung in einem alten Wald, und um mich herum standen in einem Kreis von vielleicht acht bis zehn Metern Durchmesser vierundzwanzig ernste, erhabene Wesenheiten wie hoch aufragende Steinplatten, bestimmt drei bis vier Meter in der Höhe, von gelblich-bräunlicher Färbung. Im unteren Teil waren sie dunkel und massig, aber konturlos und nicht deutlich zu erkennen. Die oberen Ecken erinnerten mich an Schultern, die Gesichter blieben verborgen. Sie waren lebendig, schienen aber zu schlafen, warteten sie auf etwas?

Trotzdem verspürte ich eine wachsame Präsenz, eine konzentrierte Macht, die von ihnen ausging. Ich fühlte mich sehr klein aber ganz wohl und sicher in ihrer Mitte. Einmal meinte ich etwas von einer Beschädigung wahrgenommen zu haben, die mit ihrem Missbrauch im Dritten Reich zu tun hatte, das ging aber ganz schnell wieder vorbei, wurde wie ein Windhauch fortgeweht, und darunter spürte ich wieder die unglaubliche Kraft, die die Zeiten überdauert.


Ich schrieb mir die Runen auf einen kleinen Zettel, in drei Reihen mit je acht Zeichen, um sie auswendig zu lernen. Jetzt kann ich sie schon aufsagen. Ich habe sie dabei das erste Mal laut ausgesprochen, was zunächst sehr fremd und seltsam klingt. Dabei spürte ich, dass ich zu den Einzelnen ganz unterschiedliche Empfindungen habe, die wahrscheinlich mit der früheren Beschäftigung mit ihnen zu tun haben. Manche mag ich spontan (Gebo, Wunjo, Sowilo, Jera) manche gehören einfach dazu (Fehu, Uruz etc.), vor manchen fürchte ich mich (Hagalaz, Naudhiz, Isa), Eiwaz und Perthro sind mir sehr fremd und Algiz hatte ich total vergessen, obwohl sie meine persönliche Signatur bei der Keramikmalerei ist.

Auf meinem Spaziergang gegen Mittag habe ich die Runenreihe viele Male laut aufgesagt, möglichst im Takt meiner Schritte, was nicht so ganz klappte wegen der unzureichenden Konzentration. Die Namen erschienen mir teilweise sehr seltsam und fremd, vor allem die vielen ‚z’ am Ende. Plötzlich verstand ich, warum die Leute auf dem Forum so viel rumblödeln mit allen möglichen Wörtern, die sie so verdrehen, dass sie auf z enden.

Als ich W. die Runen aufsagte, wusste er gleich, was das ist. Ich muss also doch damals über die Runen mit ihm gesprochen haben. Hatte ich bloß vergessen.